• vom 19.05.2017, 18:30 Uhr

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Sex mit Unterwäsche




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Von Christina Böck

  • Für Freunde des Floskel-Fetischs: das neue Album der absurd erfolgreichen Helene Fischer.

Wartet tausend Tage auf einen Brief.

Wartet tausend Tage auf einen Brief.

Ja, früher. Da kamen die Helene-Fischer-Alben auch noch in zackigeren Abständen. Vier Jahre! Eine so ausgedehnte Wartezeit wie auf das neue Album der einst so emsigen Schlagerarbeiterin muss ihren Fans wie eine Ewigkeit vorgekommen sein. Oder, um das Fischersong-eigene Phrasenvokabular zu bemühen: Die Zeit schlich dahin wie tausend Jahre.

Schlagerpop-Superstar Fischer ist aber immer um den Dienst am Fan bemüht und hat als Einstieg in ihre neue CD ein Zauberkunststück ausgewählt: Der Wiedererkennungswert einzelner Takte des Lieds "Nur mit dir" ist so hoch, man muss nur einmal kurz am Radio rütteln, und es verwandelt sich simsalabim schnurrdiburr in Fischers bizarr erfolgreichen Hit "Atemlos durch die Nacht". Da fühlt sich jeder gleich zuhause - auch nach tausend Jahren Hinhalten.

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Tausend, das ist so eine Schlüsselzahl in Fischers neuem Oeuvre. Dass man auf einen Brief "tausend Tage" "waaaahartet", das ist noch recht alltagsnahe. Esoterischer wird es, wenn Lichter in "tausend Farben" strahlen und ein Seelenverwandter "tausend Meilen" überwindet. Nur Beckmesser könnten sich an der unscharfen Rechnung stoßen, dass unendliche Liebe "tausend Leben" dauert.

Salsa in der "Lindenstraße"
Es ist die reinste Zahlenmagie: Auch wenn es manchen wie tausend vorkommen mag, sind es doch nur 24 Songs, die auf der neuen Doppel-CD "Helene Fischer" (Polydor) zu hören sind. Wobei "nur". In Zeiten, in denen sich große Popstars auch schon einmal erlauben, Alben zu verkaufen, die nicht einmal eine Zugfahrt von Wien nach Tullnerfeld überdauern, sind 24 Tracks nachgerade eine überschäumende Fülle und damit Preis-Leistungs-Knüller. Wenn sich auch Vielheit hier nicht mit Vielfalt deckt und am Ende aus 24 Liedern ein einziges aus schmackhaftem Stampfrhythmusbrei wird. Schade, dass es "Wetten dass..?" nicht mehr gibt: Einem Kandidaten, der behauptet, er könne alle Lieder dieses Albums an den ersten Takten unterscheiden, wäre jede Hochachtung sicher.

Dabei hat sich das vielköpfige Produktionsteam bemüht, für Abwechslung zu sorgen. Es gibt einen Latino-Sommerhitversuch, tadellos für die Salsaparty in der "Lindenstraße" - dazu trinkt man wahrscheinlich Cuba-Libre-Schorle ("Viva la vida"). Es gibt eine Ballade, bei der im Komponier-Computerprogramm die Tasten "Chanson" und "Umtata" gleichzeitig gedrückt wurden ("Adieu"). Und es gibt einen Countrysong ("Dein Blick", ein Cover aus der TV-Serie "Nashville"), weil Helene Fischer mit Cowboyhut auch scharf aussieht. Gut, wenn man danach geht, kann sie auch einen Rosenkranz im Nonnenhabit einsingen.

Den muss sie freilich ablegen für ihren Stöhn-Ausflug ins Genre "Sexy-Halleffekt-Disco": Wer auch immer Sex mit angelassener Unterwäsche hat, findet "Herzbeben" sicher erotisch. Da vibrieren die Bässe, das "Uz uz" ist auf Furzkissenmodus geschaltet und das Reimlexikon gibt alles: "Herzbeben, wir wollen was erleben, wir schweben dir entgegen". Das einzige, das hier nicht gereimt wird, ist "übergeben".

Was die Platte auf Dauer trefflich unsympathisch macht, ist ihre berechnende Glätte und das Gefühl, dass die Emotionen ebenso unecht sind wie Instrumente elektronisch vorgegaukelt werden. Erst beim elften Lied, "Gib mir deine Hand", murmelt man erschöpft gleich der Familie aus dem Loriot-Sketch: "Ein Klavier, ein Klavier!" Doch wer braucht schon Klaviersaiten, wenn er hohl plingende Gitarrensaiten aus Lakritzschnüren und Ziehharmonikas aus Zuckerwatte hat. Denn was soll es sonst sein, das die Musik von Helene Fischer so klebrig für die Ohren macht. Die tausend Plattitüden aus dem Floskelfundus können es kaum sein.




Schlagwörter

Schlager, Helene Fischer, Pop

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Dokument erstellt am 2017-05-19 16:42:05



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