• vom 21.05.2017, 09:30 Uhr

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Update: 21.05.2017, 12:57 Uhr

Lobautunnel

Gefangen im Einfamilienhausteppich




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Von Bernd Vasari

  • Der Traum vom Eigenheim führte im Marchfeld zu Siedlungen ohne Arbeitsplätze und Staus ohne Ende.

- © Karl Thomas/allOver/picturedesk.com

© Karl Thomas/allOver/picturedesk.com




© Vasari © Vasari

Wien. Der Mensch sehnt sich nach dem Nichtstun. Dem hektischen Arbeitsleben entkommen. Einmal aus dem Alltag ausbrechen. In der Hängematte. Am Strand. Unter Palmen. Doch zumeist trifft die Entschleunigung den Menschen dort, wo er sie nicht braucht, wo er nichts gegen sie tun kann. Die Verlangsamung wird dann zur grauen Eintönigkeit. Das Nichtstun zur Nervenprobe.

Die Einfallstraßen vor den östlichen Toren Wiens sind so ein Ort. Täglich wälzen sich hier kilometerlange Autokolonnen in Richtung Hauptstadt. Im Schritttempo, Stoßstange an Stoßstange. Es sind tausende Menschen aus Gemeinden wie Gänserndorf, Deutsch-Wagram, Strasshof oder Groß-Enzersdorf, die auf diesem Weg pendeln. In der Früh zur Arbeit, am Abend wieder heim ins Einfamilienhaus. Monat für Monat verbringen sie dutzende Stunden hinter dem Lenkrad, wartend, dass sich die Kolonne weiterbewegt.

Der tägliche Stau ist für viele ein Stressfaktor. Schaffe ich es rechtzeitig in die Arbeit? Verpasse ich eine wichtige Besprechung? Um Zeit zu gewinnen, muss an anderen Dingen gespart werden. Essen wird zur schnellen Nahrungsaufnahme beim Würstelstand seines Vertrauens. Bewegung in der Freizeit wird zum unerreichbaren Luxus. Stress, Fast Food, Bewegungsmangel. Eine Kombination, die viele Pendler krank werden lässt.


© apa/Gindl © apa/Gindl

Doch wie soll ihr Leben verbessert werden? In den staugeplagten Gemeinden kennen die Politiker nur eine Antwort darauf: Es sollen noch mehr Straßen gebaut werden. Seit 14 Jahren setzen sie sich für den Bau der Lobau-Schnellstraße S1 zwischen Süßenbrunn und dem Knoten Schwechat ein. Der Verkehr werde dann umgeleitet und die täglichen Kolonnen aufgelöst, sagen sie.

Schwerverkehr
und Pendlerkolonnen

Walter Krutis (ÖVP), blau kariertes Hemd, Dreitagebart, weißes Haar, ist einer von diesen Politikern. Seit 17 Jahren ist er Bürgermeister von Raasdorf, ein Ort mit 800 Einwohnern, zwei Kilometer vor der Stadtgrenze Wiens. Ebenerdige Bauernhäuser aus der Jahrhundertwende, ein Kriegsdenkmal und ein Hauptplatz als Kreisverkehr prägen das Bild. Der Verkehr machte das Dorf zu einem Durchzugsort. Nur selten verirrt sich hier ein Mensch auf die Straße, der Greißler hat vor Jahren geschlossen, der einzige Wirt öffnet nur am Abend. Neben den Pendlerkolonnen donnert hier auch der Schwerverkehr über die Dorfstraße.



18.000 bis 20.000 Autos fahren täglich durch Raasdorf, sagt Krutis. Ein unhaltbarer Zustand. Mit der Schnellstraße würde der schnellste Weg nach Wien nicht mehr durch seinen Ort führen, sagt er. Wenige hunderte Meter nach dem Dorfende soll sie vorbeiführen. Raasdorf würde eine eigene Auffahrt mit Umfahrung bekommen, so der Plan.

Die Schnellstraße, sie ist das wichtigste Verkehrsprojekt seiner Amtszeit. In dem Büro des Bürgermeisters türmen sich Kisten mit kiloweise Akten und Plänen aus dem Verfahren. Er breitet eine Landkarte vor sich aus und umkreist die Region um Raasdorf mit seinem Finger. "Es gibt drei Routen, die vom Marchfeld nach Wien führen. Sie alle sind überlastet", erklärt Krutis. "Eine hochrangige Straße ist daher dringend notwendig."

"Es gibt keine
wesentlichen Arbeitsplätze"

Er blickt aus dem Fenster seines Büros. "Es gibt derzeit keine wesentlichen Arbeitsplätze in der Gegend", sagt er. Die Menschen müssten daher nach Wien pendeln. Er würde gerne Betriebe ansiedeln. Nur, ohne hochrangige Straße sei dies unmöglich, wiederholt er.

Der Bürgermeister erzählt von einer Computerfirma mit 50 Beschäftigten, die sich in Raasdorf niederlassen wollte. Die Verhandlungen seien bereits schon sehr weit gewesen, erinnert er sich. Doch dann kam die Absage vom zweiten Besitzer des Unternehmens. Er habe sich das ein Jahr lang angesehen. Die überfüllten Straßen schreckten ihn ab.

Auch die Firma Strabag habe überlegt, mit mehr als 100 Arbeitsplätzen nach Raasdorf zu ziehen. Letztendlich entschied sich der Betrieb für das südlich von Wien gelegene Hennersdorf, das an der Südautobahn liegt.

In die Arbeit pendeln ist ein Phänomen, das sich in den vergangenen Jahrzehnten verstärkt hat. Früher arbeiteten Menschen dort, wo sie lebten. Noch Anfang der Siebziger Jahre verließ gerade einmal jeder Fünfte in Österreich seinen Wohnort. Das ist vorbei. Heute sind es mehr als die Hälfte (53 Prozent), die ihre Gemeindegrenze täglich verlassen. Sie legen durchschnittlich eine Distanz von 36 Kilometern zurück, um ihren Arbeitsort zu erreichen. 265.000 Personen pendeln täglich nach Wien und wieder zurück. Ein Großteil von ihnen aus dem Marchfeld.

Dabei war die Region östlich von Wien stets mit Jobs gesegnet. Noch heute ist sie die Gemüsekammer Österreichs, das Ackerland zählt zu den fruchtbarsten der Republik. Die Arbeiter auf den Feldern kommen aber nicht mehr aus der Gegend. Es sind Saisonarbeiter aus Rumänien, Ukraine und Weißrussland, die den Job erledigen. In gebückter Haltung stechen sie Spargel, ernten Erdbeeren, pflücken Marillen von den Bäumen.

Es sind niedere Arbeiten auf dem Feld bei Wind und Wetter. Im Marchfeld findet man niemanden mehr, der diese Arbeit machen will. "Da hast du ja nach drei Tagen kein Rückgrat mehr", sagt Krutis. "Und die Stundenlöhne sind halt sehr niedrig."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 17:45:12
Letzte nderung am 2017-05-21 12:57:52



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