• vom 31.05.2017, 12:00 Uhr

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Update: 31.05.2017, 12:11 Uhr

World Poverty Clock

Wo die Armut künftig zu Hause ist




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Von Michael Ortner

  • Die weltweite Armut sinkt. Doch das Ziel der Vereinten Nationen, sie bis 2030 auszumerzen, wird verfehlt.

Knapp 100 Millionen Menschen, 7,4 Prozent der Bevölkerung, leben derzeit in Indien in extremer Armut. Bis 2025 soll sich der Anteil stark reduzieren und auf unter 10 Millionen Menschen fallen. - © APA, afp, Sajjad Hussain

Knapp 100 Millionen Menschen, 7,4 Prozent der Bevölkerung, leben derzeit in Indien in extremer Armut. Bis 2025 soll sich der Anteil stark reduzieren und auf unter 10 Millionen Menschen fallen. © APA, afp, Sajjad Hussain

Wien. Im Sekundentakt entkommen sie der neunstelligen Zahl: Frauen und Männer aus Indien, Bangladesch oder Nigeria. Sie schaffen den Sprung aus der extremen Armut, also der Lebenssituation, in der Menschen laut Weltbank mit weniger als 1,90 Dollar (1,70 Euro) pro Tag auskommen müssen. Diese Summe reicht gerade mal für eine Packung Fertigreis mit Hühnchen bei Walmart. Kostenpunkt: 1,84 Dollar.

Mehr als 650 Millionen Menschen, also rund neun Prozent der Menschen auf der Erde, leben von diesem Existenzminimum. Sie hausen in den Slums von Delhi, den Favelas in Rio de Janeiro oder in Wellblechhütten in Lagos. Zwar hat sich die Armut in den vergangenen Jahrzehnten stark verringert - 1990 waren noch 37 Prozent der Weltbevölkerung arm -, doch das ambitionierte Ziel der Vereinten Nationen, bis 2030 die extreme Armut auszuradieren, scheint noch weit entfernt.

Information

Armut:
Menschen, die weniger als 1,90 Dollar pro Tag zum Leben haben, definiert die Weltbank als extrem arm. Die Vereinten Nationen wollen den Anteil der Weltbevölkerung, der unter diesen Bedingungen lebt, bis 2030 unter drei Prozent drücken.

World Poverty Clock

Nicht überall gleich schnell

Wie weit, kann man auf der "World Poverty Clock" sehen. Das Online-Tool veranschaulicht die weltweite Armut und zeigt an, wie sie sich bis 2030 entwickeln wird. Demnach wird sich die Armut in den kommenden 13 Jahren auf rund 480 Millionen Menschen verringern - das entspricht 5,6 Prozent der Weltbevölkerung. Dabei entwickeln sich die Länder sehr unterschiedlich: Während in Asien pro Minute 77 Menschen der Armut entfliehen, schwillt sie in Afrika um zwölf Personen an.

Indien, das Land, in dem mit knapp 100 Millionen Menschen derzeit die meisten Armen leben, macht den größten Sprung. 53,7 Menschen schaffen es pro Minute aus der Armut, bis 2020 wird sich der Anteil der Armen halbieren. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen wird von 4900 Dollar jetzt auf 13.000 Dollar steigen.  "Das ist ein unglaublicher Fortschritt", sagt Jesus Crespo Cuaresma von der Wirtschaftsuniversität Wien. Der Makroökonom hat mit seinem Team die "Armutsuhr" entwickelt, die Wiener NGO "World Data Lab" hat die von ihm gesammelten Daten visuell aufbereitet. Die interaktive Website bildet die Armutsentwicklung in den einzelnen Ländern bis 2030 ab.

In das Modell fließen einerseits Schätzungen der Weltbank zur Einkommensverteilung in jedem Land, Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die kommenden 15 Jahre und Schätzungen, die Crespo selbst für den Weltklimarat berechnet hat. Darauf basierend projiziert sein Team die Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens. "Wir haben die Zukunft von Armut prognostiziert und die erwartete Änderung auf die Minute heruntergebrochen", sagt Crespo.


Wie sich Armut entwickelt hat


Bildung als treibende Kraft

Wie kann die Armut nun verringert werden? Treibende Kräfte bei der Armutsbekämpfung sind Investitionen in Bildung, aber auch ein schnelles Wirtschaftswachstum und globalisierter Handel. Besonders interessant sei laut Crespo jedoch der Zusammenhang zwischen Bildungserhöhung und Reduktion der Geburtenrate. Wenn mehr Menschen eines Staates arbeiten und der Anteil der wirtschaftlich Abhängigen, also Kinder und ältere Menschen, niedrig ist, steigt das nationale Einkommen. Das Wachstum wird gefördert. Ökonomen nennen dieses Phänomen "demografische Dividende".

Während in Indien, Indonesien oder Kolumbien in Zukunft immer weniger Menschen unter Armut leiden, entwickeln sich Staaten wie Nigeria und die Demokratische Republik Kongo in eine negative Richtung. In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, leben derzeit rund 74 Millionen Menschen in Armut - 38,7 Prozent der Bevölkerung. Bis 2030 wächst der Anteil der Armen auf 90 Millionen.

In der Dem. Rep. Kongo ist die Armut ein Resultat des Bürgerkriegs und der kolonialen Vergangenheit. Es mangle an guten Institutionen, so Crespo. Derzeit leben dort 56,7 Millionen Menschen mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag. 2030 werden es 64 Millionen sein. Das Pro-Kopf-Einkommen wird von 423 Dollar auf 1500 Dollar steigen. In Nigeria, der Dem. Rep. Kongo und Madagaskar (ca. 24 Mio.) werden in 13 Jahren die meisten Menschen in Armut leben.

Jesus Crespo Cuaresma ist Vorstand des Instituts für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er hat unter anderem die Weltbank, die OECD und Unido beraten.

Jesus Crespo Cuaresma ist Vorstand des Instituts für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er hat unter anderem die Weltbank, die OECD und Unido beraten.© Stephan Huger Jesus Crespo Cuaresma ist Vorstand des Instituts für Makroökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er hat unter anderem die Weltbank, die OECD und Unido beraten.© Stephan Huger

Modell mit Schwäche

Zwar prognostiziert die "World Poverty Clock" die weltweite Armut bis 2030, doch das Modell hat eine kleine Schwäche. Denn unvorhersehbare Ereignisse können nicht miteinbezogen werden. "Wir haben Kriege aus der Zukunft eliminiert", sagt Crespo. Sein Modell geht von der Frage aus: "Was wird künftig mit der Armut passieren, wenn die bisher beobachteten Trends in der Zukunft weitergehen?". Kriege und Konflikte können mit dem Modell nicht prognostiziert werden, sagt Crespo, obwohl die Zahl der Kriege und politischen Konflikte steigt.

Dennoch: "2030 wird die Welt viel besser aussehen, aber frei von Armut werden wir nicht sein", sagt der Ökonom. "Dafür brauche es noch mehr Investitionen in Bildung, da dadurch auch die politische Stabilität in Ländern steigt."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-30 09:50:52
Letzte nderung am 2017-05-31 12:11:57



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