• vom 30.06.2017, 17:48 Uhr

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Lais-Schulen

"Ein pädagogisches Konzept fehlt völlig"




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Von Werner Reisinger

  • Bildungswissenschafter Stefan Hopmann über das Lehrkonzept der Lais-"Schulen" - und wie es Kindern schaden kann.

Ein wie immer geartetes pädagogisches Konzept findet sich bei Lais-Projekten nicht. - © WZ/Mozi

Ein wie immer geartetes pädagogisches Konzept findet sich bei Lais-Projekten nicht. © WZ/Mozi



Wien. In den letzten Wochen deckte die "Wiener Zeitung" den ideologischen Hintergrund zentraler Personen der sogenannten Lais-"Schulen" auf: die völkisch-esoterische Anastasia-Bewegung aus Russland, mit der vor allem die Gründer des ersten Lais-Projekts in Klagenfurt in enger Verbindung stehen. Auch bei Staatsverweigerern sind Lais-"Schulen", die sich gerne als alternatives Bildungsangebot tarnen, sehr beliebt. Auch Rechtsextreme docken an. Trotzdem geben immer mehr Eltern ihre Kinder in Lais-Projekte. Was ist von der Lais-Pädagogik zu halten? Der Wiener Bildungswissenschafter Stefan Hopmann im Interview.

"Wiener Zeitung":Wie schätzen Sie das pädagogische Konzept der Lais-"Schulen" ein?


Stefan Hopmann:Bei Lais gibt es ein Kernproblem: Die Verantwortlichen beanspruchen eine Theorie zu haben, eine solche ist aber nirgendwo auffindbar. Stattdessen finden sich online zahlreiche Vorträge, Statements von Anhängern und Ähnliches. Man beruft sich gerne auf eine wüste Gemengelage von Namen. Ob Noam Chomsky weiß, dass er für Lais herhalten muss, wage ich zu bezweifeln. Aber eine zusammenhängende Darstellung, die auch nur in entfernter Weise als pädagogische Theorie oder Begründung für das Lais-Unterrichtskonzept dienen könnte, fehlt zumindest meinem Wissen nach völlig. Stattdessen bezieht man sich immer wieder auf die Schetinin-Schule (jene russische Waldschule am Schwarzen Meer, die aus der völkisch-esoterischen Anastasia-Bewegung hervorgegangen ist und Lais als Vorbild dient, Anm.).

Verantwortliche weisen aber oft auf die "guten Erfahrungen" hin, die man mit der Lais-Methode gemacht habe.

Das pädagogische "Konzept", das bei Lais betrieben wird, oder besser gesagt das, was bekannt ist, also Schaubilder und Schüler, die Schüler unterrichten, gab es schon Anfang des 19. Jahrhunderts. Das ist also so gesehen nichts Neues - und es ist auch kein Zufall, dass sich das in den letzten 200 Jahren nicht durchsetzen hat können. Es gibt keinen lernpsychologischen, didaktischen oder pädagogischen Grund anzunehmen, dass eine solche Form des Lehrens und Lernens zu stabilen und tragfähigen Ergebnissen auf Dauer führen kann. Wenn es um Kinder und Jugendliche aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen geht, dann kann ich die Pflichtschulzeit leidlich überdecken. Das geht, weil diese Eltern das für die Prüfungen notwendige Wissen durchaus vermitteln können.

Spätestens nach Ende der Schulpflicht macht sich bemerkbar, dass die Kinder keine soliden Grundlagen haben. Dass sie nie gelernt haben, systematisch Sprache zu bearbeiten, mathematisch zu denken, naturwissenschaftlich zu denken. Sondern immer nur in einer lösungsorientierten Phänomenwelt unterwegs waren. So kann ich zwar kurzfristig lernen, Sachen zu beherrschen, kann aber damit keine tragfähigen Grundlagen aufbauen. Das haben Lais-"Schulen" und andere alternative Formen im Bereich des häuslichen Unterrichts gemeinsam. Würde man objektive Externistenprüfungen durchführen, so würden wohl einige Defizite schon sehr viel früher sichtbar.

Wie sieht es mit der Persönlichkeitsbildung aus, die ja von den Lais-Betreibern gerne hervorgehoben wird?

Ich unterscheide zwischen Qualifizierung und Kultivierung. Die Frage der Kultivierung ist viel schlimmer, hier in diesem Fall. Denn oftmals werden hochdubiose weltanschauliche Einstellungen vermittelt. Es findet sich, auch im Lais-Kontext, alles Mögliche an esoterischen Vorstellungen, Verschwörungstheorie, auch quasi rassistische Blut und Boden Ideologie. Meist ist es eine wüste Gemengelage.

Was genau kulturell transportiert wird, hat immer sehr viel mit den handelnden Personen zu tun. Mühelos wird in eine Art Parallelgesellschaft übergeleitet, in der die Kinder sozialisiert werden: Es geht um Abgrenzung, oft auch um Abschottung von der als negativ empfundenen Umwelt. Das kann man durchaus mit geschlossenen Sekten vergleichen, auch mit christlichen Sekten.

Inwiefern?

Es geht um die vermittelten Verhaltens- und Erziehungsvorstellungen. Da diese Kinder ja nicht in die Schule gehen, kommen sie auch nicht mit anderen Kindern, die einen anderen Hintergrund haben, andere Vorstellungen von zu Hause mitnehmen, zusammen. Die kriegen oft kaum etwas anderes mit.

Für die Kinder selber ist es deshalb ganz schwer zu durchschauen, was ihnen da eigentlich über den Kopf gezogen wird. Das ist fast schlimmer als der akademische Aspekt. Während ich akademische Defizite durch intensives Training möglicherweise noch kompensieren kann, zumindest, was Abschlussprüfungen angeht, sitzen die Schäden bei der Kultivierung viel, viel tiefer und halten länger an. Gegen kultisch-sektenhafte "Schulen" hilft nur Aufklärung.

Worauf stützen Sie dies?

Es gibt einschlägige, empirische Erfahrungen in Europa und in den USA, von diversen Kultschulen. Diese Kinder sind sehr häufig therapiebedürftig, die sind beschädigt, in ihrer sozialemotionalen und kulturellen Entwicklung. Sie haben häufig Probleme, sich sozial zurechtzufinden. Das ist nicht durch ein halbes Jahr intensives Lernen mit den Eltern auszugleichen, das ist langfristig und gelingt häufig auch so zufriedenstellend, dass eine neue Form von Identität und Lebensglück aufgebaut werden kann. Ich halte es für schlimm, dass man Kinder wegen der eigenen Anschauungen in eine irrationale Welt stößt. Ich würde das schlicht als Kindesmissbrauch bezeichnen, wenn man Kinder so abschottet. Hier wären auch die Jugendämter gefordert.

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Dokument erstellt am 2017-06-30 17:54:08



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