• vom 13.07.2017, 17:45 Uhr

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Update: 13.07.2017, 19:33 Uhr

Nachruf

Einer der Mutigsten




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  • Der chinesische Friedensnobelpreisträger und Dissident Liu Xiabao ist am Donnerstag gestorben.

"Was ich von mir, sowohl als Person wie in meinem Schreiben, verlangte, war, mit Anstand, Verantwortlichkeit und Würde zu leben." Liu Xiaobo (1955 - 2017) - © ap

"Was ich von mir, sowohl als Person wie in meinem Schreiben, verlangte, war, mit Anstand, Verantwortlichkeit und Würde zu leben." Liu Xiaobo (1955 - 2017) © ap

Peking/Wien. (klh) Wer in China in Opposition zum Regime geht, der steht einer furchteinflößenden Übermacht gegenüber: Einer Kommunistischen Partei, die für sich den Anspruch stellt, als einzige das Recht zu haben, über dieses Land zu herrschen. Die diesen Anspruch mit einem Netz aus Funktionären, Sicherheitsbeamten, und wenn es sein muss, einer willfährigen Justiz, verteidigt. Gegen so einen Apparat, dessen Wucht und Gewalt den einzelnen Bürger so schnell zerschmettern kann, in offenen Widerspruch zu treten, verlangt viel Mut und viel Idealismus.

Liu Xiaobo besaß diesen Idealismus und diesen Mut, ja, er war wohl einer der Mutigsten. Verhöre, Inhaftierungen, Arbeitslager, der ständige Druck, immer und immer wieder Polizisten vor der Wohnung stehen zu haben, immer und immer wieder verhört und abgeführt zu werden, all das konnte ihn nicht brechen. Liu Xiaobo erhob bis zum Ende seines Lebens seine Stimme, für mehr Freiheit, für Menschenrechte, für die Würde seiner Mitbürger, die ihn kaum hören konnten, da das Regime seine Worte im eigenen Land unterdrückte. "Wenn ich meine Artikel schreibe, gerate ich zwangsläufig mit der Regierung in Konflikt. Aber das ist meine Wahl. Ich werde den Preis dafür zahlen", sagte er selbst 2008 in einem Interview.


Geboren wurde Liu Xiaobo am 28. Dezember 1955 in Changchung in Nordostchina. Er studierte Literatur, wurde Dozent an der Pädagogischen Universität in Peking. Und das war eines der Zentren der Demokratiebewegung, die 1989 nicht nur die Hauptstadt erfasste. "Wir waren zu rechtschaffen, zu kühn und zu selbstsicher. Wir waren total berauscht", schrieb Liu Xiaobo später in einem Buchbeitrag, in dem er noch einmal über den Aufstand reflektierte. Diesem Rausch setzte die herausgeforderte Partei ein Ende, indem sie die Panzer rollen ließ. Liu war einer der Letzten, die sich für mehr Freiheit im Hungerstreik befanden. Eineinhalb Jahre wurde er daraufhin ohne Prozess inhaftiert.

Haft, Lager, Widerspruch
So sollte auch sein weiteres Leben verlaufen. Der Dissident und Autor, der nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte, erhob seine Stimme - und wurde inhaftiert. Die zweite - siebenmonatige - Inhaftierung folgte 1995. Beim dritten Mal wurde er für drei Jahre zur "Umerziehung" in ein Arbeitslager gesteckt. Es gab kaum ein heikles Thema, das Liu Xiaobo nicht anfasste. Er forderte die chinesische Führung auf, die Selbstbestimmungsrechte der Völker zu akzeptieren und mit dem Dalai Lama Gespräche zu führen. Wenn er gerade selbst in Freiheit war, setzte er sich für die Freilassung anderer politischer Gefangener ein. Er kritisierte, mit welch unlauteren Mitteln sich so mancher Parteifunktionär bereicherte.

Der Bürgerrechtler war dann auch einer der Organisatoren der Charta 08. Angelehnt an der in der damaligen Tschechoslowakei von Dissidenten lancierten Charta 77 fordern darin die mittlerweile 500 Unterzeichner Meinungsfreiheit, freie Wahlen und ein Ende des Einparteinsystems.

Kurz nach der Veröffentlichung der Charta wurde Liu Xiaobo wegen Subversion erneut zu elf Jahren Haft verurteilt. Damit sollte der Widerspenstige endgültig mundtot gemacht werden. Doch das gelang nicht, Liu Xiaobo erhielt Solidaritätsbekundungen aus aller Welt - und 2010 den Friedensnobelpreis. Chinas Regime hatte vergeblich versucht, gegen diese Wahl zu intervenieren. Die Frage der mangelnden Menschenrechte in China rückte durch den mit dem Friedensnobelpreis geadelten Kampf Liu Xiaobos noch einmal stärker in die Weltöffentlichkeit.

Die KP reagierte darauf in gewohnter Manier - mit Härte. Liu Xiaobo durfte an der Verleihung nicht teilnehmen und zusätzlich wurde seine Frau Liu Xia unter Hausarrest stellte. Dieselbe Härte zeigte das Regime, als Liu Xiaobo an Leberkrebs erkrankte. Er durfte nicht selbst über seine Behandlung entscheiden, durfte nicht ins Ausland. Am Donnerstag teilten die Behörden mit, dass Liu Xiaobo im Alter von 61 Jahren an einem multiplen Organversagen gestorben sei. "Die chinesische Regierung trägt eine schwere Verantwortung für seinen vorzeitigen Tod", verkündete das Nobelkomitee.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-13 17:51:06
Letzte nderung am 2017-07-13 19:33:22



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