• vom 21.08.2017, 14:56 Uhr

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Nachruf

Vergnügen mit größtmöglichem Chaos




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Von Christina Böck

  • Ein Leben im Zeichen der ungezügelten Gesichtsmuskulatur: Zum Tod von Komiker Jerry Lewis.

Bewahrte sich und seinem Publikum zeitlebens das innere Kind: Jerry Lewis.

Bewahrte sich und seinem Publikum zeitlebens das innere Kind: Jerry Lewis.© Globe Photos/Zuma/picturedesk Bewahrte sich und seinem Publikum zeitlebens das innere Kind: Jerry Lewis.© Globe Photos/Zuma/picturedesk

"Das ist so lustig, Sie werden sich in die Hose pinkeln vor Lachen." Für einen Komiker ist das ein abgedroschenes Kompliment. Aber diese konkrete Empfehlung stammt vom durchaus renommierten Filmregisseur Orson Welles. Sie bezog sich auf das Duo Dean Martin und Jerry Lewis. Die beiden waren in den USA der Nachkriegsjahre die Humor-Sensation schlechthin. Mit seiner Rolle als Blödelaffe neben dem distinguiert-feschen Dean Martin legte Jerry Lewis den Grundstein für seine Komiker-Karriere. In mehr als 80 Filmen sollte er die Menschen auf seine ganz eigene, radikale Art zum Lachen bringen. Nun ist Jerry Lewis am Sonntag mit 91 Jahren gestorben.

Es war ein Leben im Zeichen der ungezügelten Gesichtsmuskulatur. Wenn ein Beweis erbracht werden sollte, dass man auch mit Grimassenschneiden seinen Lebensunterhalt verdienen kann: Jerry Lewis hat ihn im Übermaß erbracht. Schon seine ersten Jobs fußten auf der Verrenkung der Mimik: Ab 1939 trat er mit sogenannter Pantomimikry auf. Dabei stellte er sich neben ein Grammophon und präsentierte ein wild grimassierendes Playback.

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Mund aufreißen,
Augen verdrehen

1926 wurde Jerry Lewis als Joseph Levitch in eine Familie, deren jüdische Vorfahren aus Russland emigriert waren, geboren. Das professionelle Herumalbern lag ihm im Blut. Sein Vater war Sänger und Vaudeville-Darsteller. Bereits mit fünf Jahren durfte Jerry seinen Vater auf der Bühne unterstützen. Vaudeville war eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts beliebte Form des Unterhaltungstheaters, die neben Bauchrednerei und Magie auch dem Humor mit reichlich Körpereinsatz huldigte. Aus dieser Tradition kamen berühmte Komiker wie Buster Keaton und die Marx Brothers, aber auch Schauspieler wie Cary Grant.

Die körperliche Komponente sollte auch in Jerry Lewis’ Komik immer eine dominante bleiben. Selbst auf Fotos, die ihn schon in hohem Alter zeigen, lässt es sich der Schauspieler nicht nehmen, sich ein ganzes Glas zwischen die gruslig aufgerissenen Lippen zu spannen. Oder hingebungsvoll die Augen zu verrenken, dass es einen eingedenk der Mahnung, dass die Augen beim Schielen stecken bleiben können, schaudert. Auch Filmemacher Quentin Tarantino kann ein Lied vom Spaßmacher singen: Wurde er doch nach seiner Laudatio auf Jerry Lewis bei der Verleihung eines zweiten (!) Sterns am Hollywood Walk of Fame von ebendiesem schalkhaft in die Hand gebissen.

Ob Lewis nun in seinen Filmen mit einer molligen Dame um ihren Schuh ringt, ob er in einer Ausverkaufsschlacht von einer gierigen Shoppingmeute bis auf die Unterwäsche bedrängt wird oder ob er mit einem wildgewordenen Staubsauger kämpft, der schrulligerweise Frauen ihr Mieder entzieht, während die Oberbekleidung unangetastet bleibt - immer ist das größte Vergnügen, das Jerry Lewis bereitet, auch mit dem größtmöglichen Chaos verbunden.

Zu Beginn seiner Karriere stellte er das noch im Duo an. Ab 1946 trat Jerry Lewis mit Dean Martin auf. Ihre Doppelconferencen in Nachtclubs brachten das Publikum zum Beben. Zwei Faktoren bestimmten den Erfolg: Anders als ähnliche Bühnengespanne jener Zeit verließen sich die zwei nicht auf vorgefasste Sketche, sondern ließen das unnachahmlichen Zusammenspiel ihrer beider Charaktere für sich arbeiten. Da war auf der einen Seite der attraktive Frauenheld und auf der anderen Seite das kindlich-doofe Beiwagerl. Dazu kam, dass eine Komikverwegenheit, wie sie Jerry Lewis auf die Bühne brachte, dem amerikanischen Publikum bis dahin nicht bekannt war.

Eigenmächtige Nudeln,
unsichtbare Schreibmaschine

Von ihren Nachtclub-Auftritten führte der Weg also schnell zu eigenen Shows im Radio und im noch jungen Medium Fernsehen. Und schließlich auf die Leinwand: 16 Filme drehten Lewis und Martin zusammen. Als sich Dean Martin immer stärker lediglich als hübsche Staffage rund um Lewis’ Spaß-Turbulenzen empfand, verschlechterte sich die Beziehung der beiden. Bei den Dreharbeiten zu den beiden letzten Filmen sollen sie schon kein Wort mehr außerhalb des Drehbuchs miteinander gesprochen haben. 1956 gaben sie schließlich das Ende ihrer Zusammenarbeit bekannt. Eine Zusammenarbeit, die ihrerseits wieder Film ("Wahre Lügen" von Atom Egoyan, 2005) und Literatur ("Funny Men" von Ted Heller, 2002) inspirierte. Lewis sollte später sagen, dass die beiden trotz allem nicht weniger als Liebe verband: "Man hätte blind sein müssen, um nicht zu sehen, dass diese zwei Menschen einander lieben. Und das Publikum liebt es, sich Liebe anzusehen."

Das Publikum liebte es aber auch, sich Jerry Lewis alleine anzusehen. Wenn er mit eigenmächtigen Nudeln auf einem Teller zu kämpfen hatte, ihnen schielend-unbedarft nachäugte und sie schließlich als Spaghetti-Beschwörer mit mal eben von rechts aus dem Off gereichter Flöte bändigte. Wenn er, eine seiner berühmtesten Nummern, auf der imaginären Schreibmaschine zu Leroy Andersons Musik tippt und bei jedem Zeilenende genüsslich den unsichtbaren Schlitten stupst ("Pling!"). Wenn er wieder irgendeinen Blödsinn macht, sagt oder, nun ja, erlebt, und sich und eventuellen Autoritätspersonen hernach mit argloser Narretei-Logik aus der Affäre zu ziehen versucht, bevor er mit treudoofem und geistig etwas unterbeeimertem Blick die sichere Abreibung erwartet.

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Schlagwörter

Nachruf, Jerry Lewis, Todesfall, Film, Komik

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Dokument erstellt am 2017-08-21 15:01:06



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