• vom 14.09.2017, 16:06 Uhr

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Update: 14.09.2017, 16:27 Uhr

Gesichtserkennung

"Der Albtraum der totalen Transparenz"




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Von Stefan Lessmann und Eva Stanzl

  • Das neue iPhone von Apple läutet so etwas wie ein neues Technologie-Zeitalter ein - jenes der Identifikation über Gesichtserkennung.

Ein Lächeln öffnet alle Türen - im Internet und auf dem Smartphone. Gesichtserkennung könnte die Gesellschaft entscheidend verändern.

Ein Lächeln öffnet alle Türen - im Internet und auf dem Smartphone. Gesichtserkennung könnte die Gesellschaft entscheidend verändern. Ein Lächeln öffnet alle Türen - im Internet und auf dem Smartphone. Gesichtserkennung könnte die Gesellschaft entscheidend verändern.

Das Antlitz ist ein Kunstwerk der Natur. Schon für Neugeborene ist es faszinierender als alles andere, wir Menschen erkennen einander am Gesicht. Die einzigartige Visitenkarte eines jeden ist entscheidend für Beziehungen, ohne sie gäbe es keine komplexen Gesellschaften. Denn mit Gesichtsausdrücken vermitteln wir, was wir meinen, vielleicht aber nicht sagen (können). Gefühle stehen uns ins Gesicht geschrieben - ob wir nun vor Scham erröten oder vor Ärger Zornesfalten aufziehen, von Herzen lachen oder vor Rührung weinen, oder ein aufgesetztes Lächeln präsentieren. Ob im Büro oder im Restaurant, im Gerichtssaal oder im Schlafzimmer: Wir deuten stets die Mimik unserer Mitmenschen - dies ist ein Teil der angeborenen Intelligenz des Menschen.

Nun sollen aber auch Maschinen in Gesichtern lesen. Künstliche Intelligenz (KI), die nichts empfindet, soll in der Mimik sichtbare Gefühle festhalten, sezieren, analysieren und zu Datenmaterial verarbeiten, aus dem sie Rückschlüsse über Charakter, Absichten, Scham, Freud und Leid - kurz unser Wesen - zieht.


"Dein Gesicht ist dein Passwort", verspricht der Apple-Konzern für das neue iPhone X, das im November auf den Markt kommen soll. Es entsperrt sich - noch bequemer, wie es heißt - durch ein Lächeln seines Eigentümers. Die dahinterstehende Software FaceID verspricht einen effizienteren Datenschutz: Nur, wer das Gerät erworben hat, kann sein Antlitz von einem Infrarot-Scanner von allen Seiten an tausenden Punkten vermessen lassen. Der Algorithmus merkt sich die Punkte und lernt mit der Zeit auch dazu, wie der Nutzer mit und ohne Brille, mit und ohne Bart oder Hut, sommerlich braun oder winterlich fahl bei Tag und bei Nacht aussieht. Um dem Ganzen eine charmante Note zu geben, hat der Konzern auch bewegte Emojis, genannt Animojis, entwickelt. Sie sollen die Mimik spiegeln und übersetzen. Wer also seinem Geliebten per Telefon einen Kuss schicken will, kann dies per Animoji tun: Der Geliebte erhält den Kuss quasi als Karikatur.

Technische Anfangsprobleme
Freilich berichteten Test-User bereits zwei Tage nach der Präsentation des neuen Geräts von technischen Anfangsschwierigkeiten. FaceID habe zwar zuverlässig reagiert, heißt es etwa vom Fachmagazin "Wired". Jedoch sei das Gerät hochzuheben, um die Gesichtserkennung auszulösen, was diese Form der Identifikation langsamer und mühsamer mache als Passwörter oder Fingerabdrücke es sind. Wenn diese Probleme allerdings gelöst werden können, könnte FaceID zur "Normalisierung von Gesichtsscans" betragen, warnt Whistleblower Edward Snowden.

Doch was genau bedeutet das? "Gesichtserkennung hat in gewissen Bereichen schon jetzt tief greifende technologische Veränderungen hervorgerufen", erläutert Tarek Besold vom Digital Media Lab der Universität Bremen. Dazu zählen Sicherheit, Überwachung, Ausweiskontrollen mit biometrischen Gesichtsscans oder die Erfassung von Personen mit Kameras im öffentlichen Raum für polizeiliche Ermittlungen. "Ob sich die Gesichtserkennung jedoch als neuer Standard für Zugangsmechanismen etablieren wird, hängt davon ab, wie gut diese Systeme letztlich funktionieren", schränkt er ein.

Als experimentierfreudig erweist sich hier China. Die Apple-Software FaceID ist ein Produkt von Megvii Technology (kurz für "Mega Vision"). Das Internet-Startup für Gesichtserkennungs-Technologien ist der Ansicht, dass das Internet mehr und mehr kommerzielle und soziale Funktionen übernehmen wird und die Gesichtserkennung dabei ein Teil der Infrastruktur werden muss.

Fast 90 Prozent der 200 prominentesten Internet-Firmen in China nutzen FaceID, gab jüngst Megvii-Chef Qi Yin bekannt. Während sich europäische Gemüter an der Debatte um die Abschaffung des Bargelds erhitzen, ist "Paying with a smile" im Reich der Mitte bereits gang und gäbe - zumindest unter Gutverdienern. Keine Scheine, kein PIN-Code und kein langwieriges Eintippen der Kreditkartennummer mehr - ein Blick aufs Telefon genügt und die Transaktion ist durchgeführt.

Das Gesicht als Ausweis
Millionen von Chinesen weisen sich aus, indem sie ihr Gesicht hinhalten - beim Zugang zum Büro, beim Einchecken von Flügen, Eröffnen von Bankkonten und Abschluss von Kreditverträgen. Betreten etwa Mitarbeiter des E-Commerce-Riesen Alibaba in Shenzhen ihr Arbeitsgebäude, müssen sie keine ID-Karte mehr durch ein Lesegerät ziehen, sondern nur einen Blick in eine Kamera werfen. Auch auf Bahnhöfen gleicht ein Gesichtsscanner die Zugtickets mit dem Personalausweis ab. Und in Hangzhou, einer Stadt westlich von Shanghai, werden die U-Bahnen mit Gesichtserkennung überwacht, berichtet das US-Magazin "Technology Review". Wenn Verdächtige von der Kamera erfasst werden, schlägt das System Alarm - egal, ob die Person tatsächlich schuldig ist oder nicht. In diesem Sinne schafft das System seine eigene, Big-Brother-artige Wirklichkeit - die allerdings nicht immer der Wahrheit entspricht. Genau hier liegen die Gefahren der neuen Technologie.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:12:05
Letzte nderung am 2017-09-14 16:27:44



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