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Update: 15.09.2017, 07:24 Uhr

Ausstellungskritik

Nicht nur tödlich laute Bilder




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Von Brigitte Borchhardt-Birbaumer

  • Die Galerie Westlicht präsentiert, wie stets im Herbst, die Wanderausstellung "World Press Photo".

Sanfter Protest: Während einer Demonstration gegen Polizeigewalt im US-Bundesstaat Louisiana streckt die Aktivistin Ieshia Evans ihre Hände aus - bereit, sich verhaften zu lassen.

Sanfter Protest: Während einer Demonstration gegen Polizeigewalt im US-Bundesstaat Louisiana streckt die Aktivistin Ieshia Evans ihre Hände aus - bereit, sich verhaften zu lassen.© Jonathan Bachman, Reuters Sanfter Protest: Während einer Demonstration gegen Polizeigewalt im US-Bundesstaat Louisiana streckt die Aktivistin Ieshia Evans ihre Hände aus - bereit, sich verhaften zu lassen.© Jonathan Bachman, Reuters

Zum 16. Mal in Folge übernimmt das Westlicht die Ausstellung der "World Press Photo". Die prämierten Pressefotografien des Vorjahres, die in 45 Staaten gezeigt werden, stammen von Teilnehmern aus der ganzen Welt, langfristige Projekte sind ebenso vertreten wie Reportagen und professionelle Schnappschüsse. Seit 1955 schreibt die World Press Photo Foundation als unabhängige Plattform mit Sitz in Amsterdam diesen Preis aus - 80.000 Einsendungen von 5034 Fotografen zuletzt zeigen, dass der Wettbewerb und die folgende Wanderausstellung als wichtigste Leistungsschau gelten. Die internationale Jury wählte heuer in zweiwöchiger Schwerarbeit aus diesem riesigen Pool für acht Themenkategorien 45 Bewerbungen aus 25 Ländern aus.

Hitzige Debatten um ein blutrünstiges Siegerfoto



Information

World Press Photo 2017
Westlicht, bis 22. Oktober
www.westlicht.com

Das Siegerfoto - es hält die Ermordung des russischen Botschafters in der Türkei Andrei Karlow fest - war aus vielen Gründen in der Jury umstritten. Die Sprengkraft des Bildes und der darauf sichtbare Hass führten dann aber doch zur Prämierung. Die pathetische Geste des "Allahu akbar!" brüllenden 22-jährigen türkischen Polizeibeamten Mevlüt Mert Altntas neben der Leiche des durch ihn ermordeten Botschafters in einer Kunstgalerie in Ankara am 19. Dezember 2016 hat der türkische Fotograf Burhan Ozbilici als Teil einer ganzen Serie festgehalten. Er berichtete der "Wiener Zeitung" von seiner zufälligen Anwesenheit, der Panik der meisten Anwesenden und der unerklärlichen Ruhe, mit der er die gefährliche Arbeit ausführte. Um das Siegerbild, das auf Facebook 18 Millionen Mal betrachtet wurde (was Ozbilici schockierte), sind in der Ausstellung auch seine anderen Aufnahmen des Anschlags gruppiert. Der Attentäter handelte als Mitglied der syrischen al-Nusra-Front gegen die russische Kriegsintervention. Pathetisch erscheint auf den Bildern nicht nur der Attentäter: Auch die in einer Ecke in Deckung gehenden Besucher der Galerie wirken mehr wie auf einer Theaterbühne - was verdeutlicht, dass jede Fotografie Distanz von der Wirklichkeit ist und damit auch durch ihre Ästhetik Ikonen schafft. Der Fotograf Ozbilici ist seit 1987 für The Associated Press vor allem im Nahen Osten unterwegs; das Siegerfoto entstand aber nur wenige Meter von seiner Haustür entfernt.

Bedrückendes Leid, aber auch Bilder von bannender Stille

Im Vorjahr enthielt das Wettbewerbsergebnis schwerpunktmäßig Berichte der großen Fluchtbewegungen; davon gibt es auch heuer Beispiele wie eine einsam treibende Leiche mit Schwimmweste im Mittelmeer, die Mathieu Willcocks bei einer Rettungsaktion dokumentierte. Kriegsschauplätze wie in Syrien, in der Ukraine und das brutale Vorgehen des philippinischen Präsidenten gegen Drogenbanden fallen auf, es wird aber auch ein Scheinputsch mit Mehl und Eiern als Waffen in Ibi, Spanien, von Antonio Gibotta festgehalten. Ironie ist eher Mangelware neben all dem Leid, zu dem etwa auch soziale Zwänge für Mädchen in China zählen oder eine im Fischernetz gefangene Schildkröte; tote Nashörner machen die Naturfotos auch nicht zu friedlichen Bereichen.

Neben den omnipräsent dröhnenden Pathosformeln der Medienwelt gibt es glücklicherweise aber auch anderes: Sportfotografien etwa mit poetischem Fechter und dem lachenden Läufer Usain Bolt. Und: Es gibt da auch Bilder von bannender Stille. Etwa in zwei Serien über unzugängliche Gegenden in Russland. Elena Anosowa zeichnete einen Alltag auf, in dem Jäger Elchlippen essen und Bärenpfoten zur Versorgung der chinesischen Medizin benützt werden; der Schnee konkurriert mit dem weißen Fell der Hunde. Francesco Comello wiederum hat nördlich von Moskau eine abgeschiedene spirituelle und pädagogische Gemeinschaft in ruhigen Schwarzweiß-Aufnahmen dokumentiert - es gibt in dem Dorf zwar 30 Pferde, kosakische Lehrer, aber kein Geld, kein Internet und kein Fernsehen. Ein Blick in unbekannte Welten.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-14 16:48:05
Letzte nderung am 2017-09-15 07:24:45



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