• vom 29.09.2017, 15:43 Uhr

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"Wir haben kein Recht auf Tragödie"




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Von Matthias Greuling

  • Michael Haneke erzählt in "Happy End" vom Zerfall einer Gesellschaft. Es ist eine Farce, sagt er.

"Schlechte Kritiken können junge Karrieren zerstören", sagt Michael Haneke, "mir machen sie inzwischen nichts mehr aus."

"Schlechte Kritiken können junge Karrieren zerstören", sagt Michael Haneke, "mir machen sie inzwischen nichts mehr aus."© K. Sartena "Schlechte Kritiken können junge Karrieren zerstören", sagt Michael Haneke, "mir machen sie inzwischen nichts mehr aus."© K. Sartena

Eine großbürgerliche Familie am Abgrund: In Calais betreibt Familie Laurent eine gut laufende Baufirma - bis ein Unglück die Firma in Turbulenzen bringt. Chefin Anne (Isabelle Huppert) hat ihren minder talentierten Sohn (Franz Rogowski) zum Direktor gemacht, während auch auf privater Seite Probleme entstehen: Annes Bruder (Mathieu Kassovitz), ein Arzt, soll sich um seine 12-jährige Tochter (Fantine Harduin) kümmern, nachdem deren Mutter einen Selbstmordversuch begangen hat. Auch Georges (Jean-Louis Trintignant), der gealterte Patriarch, will sich das Leben nehmen. Hanekes Familiensaga "Happy End" (ab Freitag im Kino) verhandelt aktuelle Themen wie die Flüchtlingskrise, erzählt aber letztlich von der Ratlosigkeit reicher Gesellschaften, wie man Wohlstand erhält und möglichst nicht teilt.

"Wiener Zeitung": Zu Beginn von "Happy End" sieht man den Mord an einem Hamster als Handyvideo, kurz darauf folgt die episch breite Einstellung einer Großbaustelle, bei der eine Katastrophe passiert. Beide Szenen nehmen viel vorweg, worüber "Happy End" erzählt. Sind das typische Haneke-Momente?


Michael Haneke: Da habe ich nichts dagegen, wenn Sie das so bezeichnen. Die Szenen sind richtige Aufwecker, die den Zuschauer wachrütteln sollen. Hier habe ich genügend Zeit, die Charakterzeichnung des jungen Mädchens, das dieses Video gemacht hat, unterzubringen. Man erfährt, dass sie sauer ist auf die Mutter. Nach dieser Einführung wollte ich ein starkes Gegenbild finden, und da die Familien- und Firmenstory ebenfalls mit einer Katastrophe beginnt, hat sich das angeboten, es an den Anfang des Films zu stellen. Ich wechsle von einer ganz engen in eine ganz weite Perspektive. Das ist eine ästhetische Überlegung.

Die Einstellungen zeigen: Da geht etwas massiv den Bach hinunter.

Das trifft ja auf unsere gesamte Gesellschaft zu. In meiner Jugend nach dem Krieg hatten alle - die Jungen wie die Alten - das Gefühl: Es wird alles besser. Und es wurde alles besser. Denn so schlecht, wie es einem vorher ging, konnte es ja nicht bleiben. Es war großer Optimismus da. Wenn ich mich heute umschaue, egal in welcher Generation, habe ich nicht den Eindruck, dass viele denken, es wird alles besser. Ich habe eher den Eindruck, die Leute denken, es geht bergab. Was ich da beschreibe, ist eigentlich nur Bestandsaufnahme von dem, was sich mir darstellt.

Dabei hieß es immer, die jungen Generationen haben alle Chancen dieser Welt, aber das kommt als Gefühl bei den Menschen nicht an.

Einerseits haben die Jungen heute mehr Chancen, weil der Wohlstand größer ist, andererseits ist der Druck auch größer. Die Ausbildung ist heute besser, dadurch ist die Konkurrenz größer. All das wird empfunden, quer durch alle Milieus. Egal, ob die Leute mehr oder weniger Geld haben, alle haben Riesenprobleme. Das hat mit der Entwicklung des Abendlandes zu tun, es ist kein spezifisch österreichisches Problem, auch kein französisches, aber der Film erzählt dieses Thema schon aus dem Blickwinkel reicherer Länder, und wir gehören ja zu den reichsten Ländern der Welt. Es gibt ja kaum ein Land, wo es den Menschen besser geht als hier. Trotzdem ist eine allgemeine Depression zu spüren. Oder zumindest kein Optimismus. Wenn ich mir die Erstarkung der Rechten anschaue, dann ist das ein Zeichen für all diese Ängste. Und das ist schlimm.

Ist das vielleicht sogar eine natürliche Entwicklung? Wer Wohlstand hat, hat auch mehr zu verlieren.

Natürlich. Es gibt verschiedene Ursachen dafür. Laut einer Statistik sind in den letzten zehn Jahren mehr Menschen durch Selbstmord gestorben als durch Krieg und Verbrechen. Hätte ich mir nicht gedacht. Wenn man die Nachrichten sieht, denkt man, der Krieg wäre der größte Killer. Der kommt aber erst auf Rang drei. In der Selbstmordstatistik führen die reichen Länder. Selbstmord ist auch eine Überfluss-Erscheinung, denke ich. Weil es nichts mehr gibt, wofür man kämpfen will. Man hat nur Angst, dass man das, was man hat, verliert. Davon nährt sich ja die Rechte. Gerade in den schwächeren EU-Ländern. Dort sagt man: Bitte nicht, wir sind gerade dabei, aufzubauen, da sollen nicht Fremde kommen, mit denen wir teilen müssen. Das ist zwar verständlich, aber trotzdem dumm. Denn ohne EU ginge alles den Bach runter. Ich bin fanatischer Befürworter der EU und weiß, dass das noch ein langer, mühsamer Prozess wird, aber unsere einzige Chance ist.

Ein Film von Michael Haneke, der "Happy End" heißt, das ist per se schon eine Pointe.

Na sicher. So wie "Funny Games" auch eine Pointe war.

Sind sie also eigentlich ein Komödiant, und keiner hat es bemerkt?

Mir ist der Titel während des Schreibens eingefallen, weil "Happy End" eigentlich eine Farce ist, kein Trauerspiel; weil man kann uns nicht mehr so ernst nehmen.

Das Filmplakat zeigt eine Straße ins Meer, auf der man Boote zu Wasser lassen kann. Und dazu den roten Punkt, der "Aufnahme" bei einem Handyvideo anzeigt. Das ist sehr ironisch. Der Blick ins Meer von Calais in Richtung Großbritannien könnte suggerieren, dass dort das Happy End liegt, was sich ja für so viele Flüchtlinge so darstellt.

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Schlagwörter

Interview, Michael Haneke, Film

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Dokument erstellt am 2017-09-29 15:48:09



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