• vom 06.10.2017, 17:57 Uhr

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Atomwaffen

"Bis jetzt haben wir Glück gehabt"




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  • Friedensnobelpreis 2017 an die in Wien gegründete Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen.

Kriege gehören ins Museum: eine deaktivierte Titan II Atomrakete im Titan Raketenmuseum in Green Valley (US-Staat Arizona). - © afp/B. Smialowski

Kriege gehören ins Museum: eine deaktivierte Titan II Atomrakete im Titan Raketenmuseum in Green Valley (US-Staat Arizona). © afp/B. Smialowski

Ican-Geschäftsführerin Beatrice Fihn.

Ican-Geschäftsführerin Beatrice Fihn.© reuters/Denis Balibouse Ican-Geschäftsführerin Beatrice Fihn.© reuters/Denis Balibouse

Oslo. Der Friedensnobelpreis 2017 geht an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (Ican). "Wir leben in einer Welt, in der das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes so groß ist wie seit langem nicht", begründete die Vorsitzende des norwegischen Nobelpreiskomitees, Berit Reiss-Andersen, die Entscheidung. Der diesjährige Friedensnobelpreis sei auch ein Aufruf an alle Atommächte, "ernsthafte Verhandlungen" mit dem Ziel einer schrittweisen und "sorgfältig überprüften Vernichtung" der fast 15.000 Atomwaffen in der Welt zu beginnen.

Der Nobelpreis sei nicht als Kritik an einem konkreten Land zu verstehen, so die Jury-Vorsitzende. "Wir treten mit diesem Preis niemandem vors Schienbein", so Reiss-Andersen.

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Dass die Wahl des Komitees auf Ican fiel, ist durchaus gerechtfertigt: Die Organisation hat sich maßgeblich für die in diesem Jahr erfolgte Verabschiedung eines Verbots von Atomwaffen durch die Vereinten Nationen eingesetzt. Auch Österreich hat den Vertrag unterzeichnet. Da das Abkommen von den Atommächten, aber auch von Deutschland und der Nato boykottiert wird, hat es lediglich symbolischen Charakter.

Mehrere Staaten modernisieren derzeit ihre Arsenale und die Gefahr sei real, dass mehr Länder versuchten, Atomwaffen herzustellen. Konkret nannte Reiss-Andersen Nordkorea.

Bundespräsident gratuliert
Ican wurde 2007 in Wien am Rande einer Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag von mehr als 300 Nichtregierungsorganisationen gegründet. Die Graswurzelbewegung ist inzwischen in mehr als 100 Ländern aktiv.

Ican-Geschäftsführerin Beatrice Fihn zeigte sich überwältigt. "Wir bekamen den Anruf nur ein paar Minuten vor der offiziellen Verkündung", sagte Fihn am Freitag vor ihrem Büro in Genf. "Wir waren schockiert, dann haben wir gekichert und einen Moment gedacht, der Anruf war vielleicht ein Scherz."

Bundespräsident Alexander Van der Bellen gratulierte der Organisation umgehend. "Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, für eine Welt ohne Atomwaffen einzustehen", so Van der Bellen via Twitter. Der ÖVP-Delegationsleiter im EU-Parlament, Othmar Karas, meinte, der Friedensnobelpreis für Ican stärke "alle, die auf Dialog und beharrliche Diplomatie setzen anstatt auf Drohgebärden". Die Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung sei seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr so groß gewesen.

Die Grünen-Spitzenkandidatin bei der Nationalratswahl, Ulrike Lunacek, sprach von einer "richtigen Entscheidung" des Komitees. "In Zeiten, in denen US-Präsident Trump und der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un die atomare Eskalationsspirale nach oben schrauben, kommt dieses Zeichen der Ächtung von Atomwaffen genau zur richtigen Zeit."

Ican klingt auf Englisch nach Action: I can - ich kann. Das erinnert an den Wahlkampfschlachtruf von Barack Obama, mit dem er vor seiner ersten Wahl die Massen mobilisierte. Die Friedensorganisation sieht sich durchaus als Massenmobilisierer. "Die Folgen eines Atomschlags sind so verheerend, dass kaum einer darüber nachdenken will", so Geschäftsführerin Beatrice Fihn: "Politiker sagen: ,Ihr Aktivisten versteht davon nichts, bei den Atomwaffen geht es um strategische Sicherheit.‘ Aber wir haben Atomwaffen mit diesem Vertrag wieder zu einer humanitären Frage gemacht." Nach Fihns Lesart ist die Sache ganz einfach: Ist es akzeptabel, hunderttausende Menschen umzubringen, oder nicht? Wenn nicht, müssten Atomwaffen verboten werden.

"Haben Atomwaffen im Kalten Krieg den Frieden bewahrt? Das ist nicht beweisbar", sagt Fihn. "Vielleicht ist das auch der Verdienst der UNO. Eines ist aber klar: Es gab jede Menge Beinahe-Zwischenfälle (siehe Leiste unten, Anm.). Bis jetzt haben wir Glück gehabt. Aber wenn es weiter Atomwaffen gibt, wird uns das Glück eines Tages verlassen."

Atomkontrolle

Die Kontrolle von Atomwaffen spielt sich vor allem in Wien ab. Die hier ansässige Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags, etwa durch Inspektionen in Nuklearanlagen. Der Vertrag sieht vor, dass die Unterzeichnerstaaten, die keine Kernwaffen besitzen, auf den Erwerb derartiger Massenvernichtungswaffen verzichten - gleichzeitig ist von einer bindenden Verpflichtung zur vollständigen Abrüstung der Atomwaffenstaaten die Rede.

Die ebenfalls in Wien ansässige Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuche (CTBTO) soll darüber wachen, dass keine Atomwaffentests mehr stattfinden. Der Vertrag dazu liegt seit 1996 in Wien zur Unterzeichnung aus, wurde aber bisher nicht ratifiziert und ist daher nicht in Kraft.

Wien war auch oft Schauplatz wichtiger Atomkonferenzen: 1961 trafen hier US-Präsident John F. Kennedy und sein sowjetisches Gegenüber Nikita Chruschtschow zusammen, auch die Atomgespräche mit dem Iran wurden in Wien geführt. Auch Konferenzen zum Atomwaffensperrvertrag und zu verwandten Themen finden hier regelmäßig statt.

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Dokument erstellt am 2017-10-06 18:04:08



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