Dass sein Nachfolger François Mitterrand auf Kosten des Steuerzahlers neben seiner offiziellen Familie mit Danielle Mitterrand und drei Söhnen eine zweite unterhielt, ging da hingegen schon wieder als Kavaliersdelikt durch. Seine Geliebte Anne Pingeot und die gemeinsame Tochter Mazarine wurden jahrelang von der Polizei bewacht und ihre Miete vom Staat übernommen, während die wissende Journaille galant schwieg. Mitterrand galt als wahrer Schürzenjäger. "Wenn er gewollt hätte, hätte er einen Stein verführen können: sparsame Geste, übermütig glänzendes Auge, gedämpfte Stimme, Worte, die einfangen wie ein Schal", schrieb die gut informierte Journalistin Françoise Giroud. Um seine diversen Affären zu verschleiern, ließ er durch eine "Anti-Terror-Einheit" allerdings tausende Menschen abhören. Sieben seiner ehemaligen Mitarbeiter wurden verurteilt; nicht aber Mitterrand, laut Gericht "Inspirator und Entscheider des Wesentlichen".
Ein Ex-Präsident vor Gericht? Dies galt als unvorstellbar, ja fast als Angriff auf den französischen Staat selbst, den er schließlich verkörperte - bis Chirac Ende 2011 wegen Veruntreuung öffentlicher Mittel und illegaler Parteienfinanzierung zwei Jahre Haft auf Bewährung erhielt. Zwar wurde dem erkrankten Altpräsidenten das Erscheinen auf der Anklagebank erspart, nicht aber ein Urteil "wie für jeden Franzosen" - das er zwar verlangt, aber wohl nicht erwartet hatte. Die Vorwürfe reichten in seine Zeit als Bürgermeister von Paris zurück, längst erregte Chirac aber mehr Mitleid denn Empörung.
Dass sich die Justiz im Land der Gleichheit nicht mehr Komplizenschaft mit den Mächtigen vorwerfen lassen will, dürfte auch Sarkozy zu spüren bekommen, der in eine Reihe Affären verstrickt ist. Im Rahmen des Bettencourt-Skandals um die milliardenschwere LOréal-Erbin laufen sogar bereits Ermittlungen wegen des Verdachts, Sarkozy könnte seinen Wahlkampf 2007 mit illegalen Spenden finanziert haben. Ihm droht ein unangenehmer Prozess - und auf einen Altersbonus wie sein Vorgänger Chirac darf er nicht hoffen.
Umso sorgfältiger pflegt der "Anti-Sarkozy", zu dem Hollande sich stilisiert, sein Saubermann-Image. In die Bredouille brachte ihn ausgerechnet seine Lebensgefährtin Valérie Trierweiler, die via Twitter öffentlich den Rivalen von Hollandes Ex-Partnerin Ségolène Royal unterstützt hat. Ein Mann, der nicht einmal seine Freundin im Griff hat, soll Frankreich lenken?, fragten Spötter. Doch das Skandälchen zeigte, dass eben auch der nette Monsieur Hollande seine privaten Kämpfe auszufechten hat. Was schließlich irgendwie normal ist.