• vom 09.10.2012, 17:51 Uhr

Weltchronik

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50 Jahre bevor Felix Baumgartner sein Stratos-Projekt ersann, absolvierte Joe Kittinger einen ähnlichen Sprung

Die Vaterfigur am Rande des Weltalls


Von Ronald Schönhuber

  • Ohne Joe Kittingers Ballonflüge hätte die Menschheit nicht den Orbit erobert.

Roswell.

Der große Sprung: Joe Kittinger stürzte sich am 16. August 1960 aus 31 Kilometer Höhe in Richtung Erde.

Der große Sprung: Joe Kittinger stürzte sich am 16. August 1960 aus 31 Kilometer Höhe in Richtung Erde.© dapd Der große Sprung: Joe Kittinger stürzte sich am 16. August 1960 aus 31 Kilometer Höhe in Richtung Erde.© dapd

Väter können eine gute Inspirationsquelle sein. Vieles von dem, was uns noch bevorsteht, haben sie bereits erlebt, ihr Rat hilft, die Dinge aus einer neuen Warte zu betrachten und vielleicht auch den einen oder anderen Fehler nicht erneut zu begehen. Unsere Ängste, Zweifel und Hoffnungen, für unsere Väter waren sie schon da. Geradezu naheliegend erscheint es da, wenn jemand, der sich aus dem Weltall mehr als 36 Kilometer in die Tiefe Richtung Erde stürzt, eine Vaterfigur sucht, die in der Lage ist, zu verstehen, was in einem dabei vorgeht. Einer, der die klammen Sorgen kennt und der stille Zuversicht gibt.

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Für Felix Baumgartner, der am Dienstagnachmittag mit den letzten Vorbereitungen für sein Red-Bull-Stratos-Projekt begann (der geplante Absprungzeitpunkt lag nach Redaktionsschluss), ist Joe Kittinger in den vergangenen zwei Jahren zu so einer Vaterfigur geworden. Knapp 50 Jahre, bevor der österreichische Extremsportler sein Projekt ins Leben rief, um als erster Mensch die Schallmauer im freien Fall zu durchbrechen, hatte der US-Testpilot einen ähnlich waghalsigen Sprung an der Grenze zum Weltraum absolviert. Viele der Rekorde, die Kittinger aufstellte, als er sich am 16. August 1960 mit einem Fallschirm aus seiner offenen Ballongondel in 31.33 Meter Höhe stürzte, haben mehrere Jahrzehnte überdauert. Der Rekord für den längsten freien Fall mit 4 Minuten 36 Sekunden blieb bis zum Stratos-Projekt ebenso unerreicht wie jener für die höchste dabei erreichte Geschwindigkeit (988 Stundenkilometer).

Lebensgefährliche Missionen

Die letzten Vorbereitungen: Kurz nach dem Morgengrauen wurde in Roswell Felix Baumgartners riesiger Spezialballon aufgebaut. Starker Wind hatte den Starttermin für den Sprung aus 36 Kilometer Höhe zuvor mehrmals nach hinten rutschen lassen.

Die letzten Vorbereitungen: Kurz nach dem Morgengrauen wurde in Roswell Felix Baumgartners riesiger Spezialballon aufgebaut. Starker Wind hatte den Starttermin für den Sprung aus 36 Kilometer Höhe zuvor mehrmals nach hinten rutschen lassen.© dapd Die letzten Vorbereitungen: Kurz nach dem Morgengrauen wurde in Roswell Felix Baumgartners riesiger Spezialballon aufgebaut. Starker Wind hatte den Starttermin für den Sprung aus 36 Kilometer Höhe zuvor mehrmals nach hinten rutschen lassen.© dapd

Dass ein pensionierter Luftwaffenoberst zu einer der wichtigsten Stützen für einen fast 50 Jahre jüngeren Extremsportler geworden ist, liegt wohl auch in der Einzigartigkeit dieser Erfahrung, die in ihrem Kern unverändert geblieben ist. "Im Bereich der Kommunikation und der Technik hat es in den vergangenen Jahrzehnten zwar viele Fortschritte gegeben, aber gleich ist, dass die Gegebenheiten in dieser Höhe sehr rau sind", sagt Kittinger.

Doch anders als seinem Schützling Baumgartner war es Kittinger bei den Sprüngen nie primär um Rekorde gegangen. In den späten 50er Jahren steckte die Raumfahrt noch in ihren Kinderschuhen, und von der Möglichkeit, einen Menschen per Rakete in den Weltraum zu bringen, war man noch einige Jahre entfernt. Vor allem aber hatte man zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung davon, wie sich die lebensfeindliche Umgebung an der Grenze zum Weltall auf den menschlichen Organismus auswirken würde und mit welchen Technologien man den Gefahren da draußen am wirksamsten begegnen könnte. Die Spezialballone, die im Rahmen des 1957 gestarteten "Man High"-Programms konstruiert wurden, sollten eben diese Fragen beantworten.

Für die Testpiloten entwickelten sich die Missionen aber oft zum lebensgefährlichen Hasardspiel. Als Kittinger bei seinem Rekordsprung am 16. August 1960 mit dem Ballon eine Höhe von 13 Kilometern erreichte, blies sich etwa der Druckanzug nicht so auf wie geplant. Die Hand des damals 32-jährigen Luftwaffenoffiziers schwoll ungefähr auf das Doppelte der normalen Größe an und ließ sich schließlich überhaupt nicht mehr bewegen. Kittinger entschied sich trotz starker Schmerzen allerdings dagegen, der Bodenkontrolle das lebensgefährliche Problem zu melden, da er fürchtete, die Mission werde ansonsten abgebrochen. Bei einem früheren Absprung aus 23 Kilometern verhinderte nur die automatische Auslösung des Notfall-Fallschirms, dass der bewusstlos gewordene Kittinger ungebremst zu Boden stürzte.

Sein Rekordsprung im Jahr 1960 ist Kittinger allerdings bis heute noch in allen Facetten präsent. "Als ich fiel, drehte ich mich hintenüber, schaute um mich und sah das Blau der Erde, ins All geschleudert wie eine Rakete. Dann stellte ich fest, dass das Blau sich nicht bewegte und ich es war, der in einem fantastischen Sturzflug herunterkam", erinnerte sich der 84-Jähriger vor zwei Jahren in einem Interview mit dem "Spiegel". Ein paar Minuten, nachdem sich der Fallschirm öffnete, landete Kittinger schließlich unsanft in der staubigen Wüste von New Mexico. "Ich bin sehr froh, wieder bei Euch zu sein", lauteten seine ersten Worte an die Helfer. Gleiches wird wohl auch für Felix Baumgartner gelten.




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