
New York. Früher, und das ist noch gar nicht so lange her wie "früher" anderswo, erschöpfte sich der Stolz der amerikanischen Nation nicht in der rhetorischen Beschwörung, sondern in der Umsetzung des Superlativs. Über knapp ein Jahrhundert hinweg waren es verlässlich die Bewohner der Vereinigten Staaten, die, unter so klaren wie bestimmten Vorgaben ihrer Eliten, die höchsten Häuser, die größten Flugzeuge, die gefährlichsten Waffen und die verrücktesten Religionen nicht nur erdachten, sondern auch in die Welt setzten.
Höher, schneller, weiter lautete das Credo dieser für Amerika und seine Freunde zuweilen glorreiche, für seine Feinde eher schreckliche Ära. Der Medienmogul Michael Bloomberg, der sich Ende der Neunziger den Mantel des Politikers und in Folge den des New Yorker Bürgermeisters umgelegt hatte, bildet diesbezüglich keine Ausnahme, auch er ist ein Kind seiner Zeit. Inwieweit sich sein jüngstes Projekt für die Mehrung seines Prestiges wie das seiner Stadt eignet, gilt als umstritten, aber das ist ihm ungefähr so wurscht wie Mitt Romney arme Leute. Tatsache ist: Am Strand von Staten Island wird nun das größte Riesenrad der Welt gebaut. 191 Meter hoch, das ist nahezu dreimal so hoch wie das Wiener Riesenrad (das österreichische Wahrzeichen ist übrigens genauso groß wie das bisher größte US-Riesenrad im Texas State Fair).

Das mit dem (großteils von einer mit Bloomberg befreundeten Investorengruppe finanzierten) Bau einhergehende politische Kalkül, den einwohnerärmsten Bezirk der Stadt derart touristisch aufzuwerten, kommt nicht von ungefähr. Mit Staten Island und dem Rest von New York City verhält es sich ein bisschen wie mit dem gallischen Dorf und den belagernden Römern in den Asterix-und-Obelix-Comics.
Staten Island ist andersWährend die Bewohner von vier der anderen fünf Stadtbezirke - Manhattan, Brooklyn, die Bronx, Queens - seit Jahrzehnten ihre Stimmen den Demokraten geben, stellt sich die politische Lage auf der von rund 470.000 Einwohnern bevölkerten Insel umgekehrt dar. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 wählten, entgegen dem Stadt- und Landestrend, 51,7 Prozent John McCain; nicht wenige davon nicht trotz, sondern wegen McCains polarisierender Mitstreiterin Sarah Palin.
Diesmal sagen die Umfragen eine noch deutlichere Mehrheit für Romney voraus, und das nicht erst seit dem präsidialen Debattendesaster von Anfang Oktober. "Überrascht dich das wirklich?", fragt Gaudet Rusty und gibt sich die Antwort gleich selber: "Schau dir doch den Rest der Stadt an. Die Leute in der City haben sich doch noch nie um uns geschert." Der 50-jährige Rusty ist geborener Staten Islander und stolz darauf.
Fast sein ganzes Leben hat er im Viertel West New Brighton verbracht, einer Ansammlung von Ein- und Mehrfamilienhäusern im Norden der Insel, wohin sich wohl noch nie ein Tourist hin verirrt hat. Den jene, die die Gratisfähre auf die Insel in Anspruch nehmen, machen das nur, um den freien Blick auf die Skyline und die Freiheitsstatue zu genießen - und fahren sofort nach Andocken an der Insel wieder zurück.
Kein Melting Pot
Früher hat Rusty als Elektriker für den Energieriesen Con Edison gearbeitet. Bis es ihm irgendwann Mitte der Neunziger reichte und er "was Eigenes machen wollte. Und was gibts besseres als eine eigene Bar?" Der Wirtskrankheit ist er bis heute nicht erlegen, "Rustys", das nicht nur so heißt, weil es den Namen seines Pächters trägt, ist trotzdem schon nachmittags gut gefüllt. 90 Prozent sind gestern wie heute Stammgäste, "es ist unsere kleine Oase."
Wer bei Gaudet Rusty einkehrt, versteht schnell, warum der rechtsradikale Radiomoderator Rush Limbaugh jüngst feststellte, woran es den USA heute angeblich mangle: "An zornigen weißen Männern." Genau diese bilden die Stammklientel von "Rustys", auch wenn es das dritte oder vierte Leichtbier braucht, um ihre Wut ans Licht zu bringen.
Schwarze oder Latinos finden sich hier keine. Als Problem sieht das niemand in der Bar. "Heutzutage musst du doch aufpassen, was du sagst", sagt einer, der sich ebenfalls als gebürtiger Inseleinwohner - und als ehemaliger Polizist - zu erkennen gibt: "Ich habe jahrelang in Downtown Manhattan Dienst gemacht. Lauter Verrückte. Und von denen waren und sind wir abhängig. Was haben wir von New York jemals bekommen? Müll, die Mafia und die ganz Irren."
Mit dem platten Rassismus vieler Menschen in den sogenannten "Flyover States" zwischen Ost- und Westküste haben die Trinker im "Rustys" trotzdem wenig gemeinsam. Die Ressentiments gegen alles, was ihnen als abseits der ihnen geläufigen Normen vorkommt, speisen sich nicht aus einer geografisch bedingten Weltfremdheit, sondern aus den Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts, die vor allem bei den Alteingesessenen bis heute nachwirken.
Gigantische Mülldeponie
Wenn das Riesenrad plangemäß 2015 eröffnet wird, hofft die Insel, dass der bisher einzige Superlativ, den der Rest Amerikas bis heute mit Staten Island assoziiert, in die komplette Vergessenheit gerät. Nämlich als Ort, der jahrzehntelang die größte Müllhalde der Welt beherbergte. Seit den Siebzigern kämpften Generationen von politischen Repräsentanten von Staten Island für die Schließung der 1947 im Westen der Insel eröffneten Fresh-Kills-Deponie, die im Lauf der Zeit zu gigantischen Ausmaßen angewachsen ist: Auf rund neun Quadratkilometern verteilte sich dort der Abfall, mit allen damit einhergehenden Begleiterscheinungen.
Ein Umstand, der sich erst 1994 mit der Wahl von Rudy Giuliani zum New Yorker Bürgermeister - dem ersten Republikaner seit Fiorello LaGuardia (1934-1945) - änderte. Giuliani ließ dann auch die Mülldeponie schließen, als Akt der Dankbarkeit für die politische Schützenhilfe des damaligen Bezirkspräsidenten von Staten Islands, Guy Molinari, eines wie Giuliani italienischstämmigen Juristen.
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