• vom 14.01.2013, 16:41 Uhr

Weltchronik


China

Keine Luft zum Atmen in China




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Von WZ-Korrespondent Wu Gang aus Peking

  • Die Luftverschmutzung in Nord- und Zentralchina stellt alles bisher Dagewesene in den Schatten
  • Erstmals wurde in der Hauptstadt Peking oranger Alarm ausgelöst.

Feinstaubnebel in der Verbotenen Stadt : Die WHO stuft ab 300 Mikrogramm Feinstaubpartikel die Luft als gefährlich ein, in China ist das Zweieinhalbfache dieses Werts erreicht worden.

Feinstaubnebel in der Verbotenen Stadt : Die WHO stuft ab 300 Mikrogramm Feinstaubpartikel die Luft als gefährlich ein, in China ist das Zweieinhalbfache dieses Werts erreicht worden.© reuters Feinstaubnebel in der Verbotenen Stadt : Die WHO stuft ab 300 Mikrogramm Feinstaubpartikel die Luft als gefährlich ein, in China ist das Zweieinhalbfache dieses Werts erreicht worden.© reuters

Peking. Den meisten Bürgern in Peking war schon bisher bewusst, dass sie eine Luft einatmen, die ihre Gesundheit schädigen kann. Jedoch: Man spürte die Gefahr nicht, roch sie kaum und sah sie nur, wenn wieder einmal die Sonne hinter einer schmutzig-gelben Wand verschwand. Seit dem letzten Wochenende können die Menschen den Würgegriff der Verschmutzung geradezu physisch spüren: Ein faulig-rauchiger Geruch liegt in der Luft, es riecht nach verbrannten Autoreifen und einer sehr nahen Öl-Raffinerie; grau-gelbe Nebelschwaden ziehen bis in die U-Bahn-Schächte und tauchen die Stadt in ein post-apokalyptisches Szenario. Geht man auch nur einige Minuten ins Freie, riecht das Gewand nach Lagerfeuer. "Ich habe so etwas noch nie erlebt. Seit 30 Jahren betreibe ich diesen Obststand, und zum ersten Mal werde ich heute nicht aufsperren. Ich habe Angst", sagt eine Straßenverkäuferin, die sich mit einem dicken Schal vermummt hat und ihren Stand dichtmacht.


845 Mikrogramm Schadstoffe statt verträglichen 50
Tatsächlich hat die Luftverschmutzung in großen Teilen Nord- und Zentralchinas seit letztem Donnerstag bisher ungeahnte Ausmaße angenommen. Bisher endete die Schadstoffskala der US-Botschaft in Peking bei 500. Am Samstagabend wurde der Rekordwert von 845 erreicht. Das bedeutet, dass ein Kubikmeter Luft 845 Mikrogramm Feinstaub enthielt, also jene Partikel, die kleiner sind als 2,5 Mikrometer und über die Lunge direkt ins Blut gehen können. Nur ein Wert von weniger als 50 gilt als gut, ab 300 wird die Luft von der Weltgesundheitsorganisation WHO als "gefährlich" eingestuft. Nachdem auch die sonst meist niedriger angesetzten Messwerte der chinesischen Umweltbehörden in alarmierende Höhen stiegen, wurde am Sonntag die zweithöchste Warnstufe Orange ausgerufen.

Kohlekraftwerke und Autos bei Windstärke null
Der Smog speist sich hauptsächlich aus Pekings Kohleverbrennung zu Heiz- und Produktionszwecken und aus den Abgasen von 5,2 Millionen Fahrzeugen. Dazu kommt eine Wetterlage mit anhaltendem Hochdruck und einer ungewöhnlichen Windstille, die voraussichtlich frühestens am Mittwoch durch eine Kaltfront gebrochen werden soll. Bis dahin wird sich die Schadstoffkonzentration in der Luft laut Experten der Universität Peking noch verschärfen.

Der nun in Kraft getretene offizielle Notfallplan schlägt vor, dass einzelne Fabriken ihren Schadstoffausstoß reduzieren sollen, an 28 Großbaustellen wurden staubproduzierende Erdarbeiten vorübergehend eingestellt, 30 Prozent der behördeneigenen Autos sollen nicht mehr fahren. Verpflichtende Einschränkungen für den Individualverkehr gibt es jedoch nicht; die offiziellen Appelle, das Auto stehen zu lassen, brachten nicht den gewünschten Erfolg: Montagnachmittag boten die Ringautobahnen jedenfalls das gewohnte Staubild.

Sogar regierungsnahe Medien üben Kritik
Die Auswirkungen sind für jedermann spürbar: Viele Menschen klagen über Kopfschmerzen und Übelkeit, Krankenhäuser melden einen "starken Anstieg" von Atemwegserkrankungen. Speziell ältere Menschen und sogar Kinder müssen wegen Herz- und Kreislaufproblemen behandelt werden. Freude herrscht nur bei den Herstellern von Luftfiltern und Mundschutzmasken, die momentan glänzende Geschäfte machen.

Ansonsten machen die Chinesen vor allem im Internet über Microblogs ihrem Ärger Luft, was diesmal überraschend direkt von den Staatsmedien aufgegriffen wird. In einem Editorial rief die regierungsnahe "Global Times" zu "mehr Transparenz" bei Umweltproblemen auf, "China Daily" geißelte das Wachstum der chinesischen Städte als zu schnell und nicht nachhaltig, die Pekinger "Jugendzeitung" kritisierte die unkoordinierten Maßnahmen und den ausufernden Straßenverkehr.

Ob der sich bessern wird, bleibt fraglich: Inmitten der Luftkatastrophe meldete am Montag VW-Vorstandsmitglied Jochem Heizmann bei einer Pressekonferenz in Peking, dass der Volkswagen-Konzern im vergangenen Jahr um 24,5 Prozent mehr Autos auf seinem wichtigsten Markt China verkauft habe.




Schlagwörter

China, Bejing, Peking, Luft, Feinstaub

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Dokument erstellt am 2013-01-14 16:44:05



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