• vom 09.07.2013, 22:02 Uhr

Weltchronik


"Der Ramadan ist für uns ein Gräuel"




  • Artikel
  • Kommentare (7)
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Westliche Unternehmen beklagen müde und demotivierte Mitarbeiter.

Kairo. Die einen haben sich seit Wochen auf ihn gefreut und tagelang darauf vorbereitet. Andere empfinden ihn als ein Gräuel. Für mehr als eine Milliarde Menschen auf unserem Planeten hat am heutigen Mittwoch der muslimische Fastenmonat Ramadan begonnen. Einen Monat lang wird die Nacht zum Tage, der Alltag auf den Kopf gestellt. Von Tagesanbruch bis zum Sonnenuntergang darf weder gegessen, getrunken noch geraucht werden. Auch Sex ist verboten. In der Nacht ist dagegen alles erlaubt. So unterscheidet sich das muslimische Fasten erheblich von den Gewohnheiten des Fastens der Christen vor Ostern, das vor allem eine Reduzierung des Essensvolumens bedeutet. Aber auch Wasser trinken am Tage ist "haram", also verboten.

Werbung

Das ist besonders schwer im Sommer. Da sich der Ramadan durch das Kalenderjahr schiebt und den Gezeiten des Mondes folgt, fällt sein Beginn heuer in die heißeste Phase des Jahres. Bei Temperaturen zwischen 40 und 50 Grad - in einigen Golfstaaten sogar mehr - werden die Gläubigen auf eine besonders harte Probe gestellt. Den ganzen Tag über kein Wasser zu sich nehmen zu dürfen, kann erhebliche körperliche Schäden zur Folge haben. Nicht selten erwachsen daraus Nierenkrankheiten, Herz- und Kreislaufversagen. Das zunehmend aggressive Verhalten im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz sind da noch die harmlosesten Nebenwirkungen. Viele Muslime denken deshalb darüber nach, ob sie im Sommer überhaupt fasten sollen. Besonders im Irak gehen Schätzungen davon aus, dass in der letzten Woche des Ramadan nur noch knapp ein Drittel der Muslime mitmacht. Immer öfter hört man den Ausspruch: "Wir haben genug unter dem Terror gelitten, sollen wir jetzt auch noch unter der Religion leiden?" Firmen in den arabischen Ländern klagen über die gesteigerte Müdigkeit und Motivationslosigkeit ihrer Arbeitnehmer während der Fastenzeit. "Der Ramadan ist für uns ein Gräuel", sagt der Chef eines deutschen Unternehmens in Kairo. Produktionsverluste im zweistelligen Bereich seien normal. Dieses Jahr, so befürchtet er, sinke die Arbeitsleistung noch mehr.

Datteln, Nüsse und Trockenfrüchte
Wer sich wohl am meisten auf den Ramadan freut, sind die Händler für Datteln, Nüsse und Trockenfrüchte. Sie haben dann Hochkonjunktur. Zu keiner anderen Jahreszeit werden so viele ihrer Produkte konsumiert wie in diesem einen Monat. Die Tradition gebietet, dass zum Anfang eines jeden Fastenbrechens ein Glas Wasser, Datteln und getrocknete Aprikosen oder Aprikosensaft gereicht werden. Das ist auch medizinisch sinnvoll, denn der ausgetrocknete Körper braucht Flüssigkeit und Zucker. Wird den Früchten das Wasser während des Trocknungsprozesses entzogen, dann bleibt der Fruchtzucker hochkonzentriert zurück. Außerdem sollen Datteln und Aprikosen den Magen für das kommende "Iftar", die erste Mahlzeit des Tages, vorbereiten. Immer mehr Muslime beklagen sich über die Pfunde, die sie während dieser Zeit zunehmen. Denn so üppig wie nachts im Ramadan sind die Tische für den Rest des Jahres nirgends gedeckt.

"Die Vorfreude ist das Beste", antwortet Fatma auf die Frage, was ihr der Ramadan bedeute. "Es ist ein Familienfest." Viele Stunden verbringt die Ägypterin damit, spezielles Ramadan-Gebäck zu backen, legt Datteln ein und ummantelt Aprikosen mit Sesam, mariniert Fleisch und kauft Fisch. Ihre beiden Kinder sind zwar schon erwachsen, kommen aber während des Ramadan zum Fastenbrechen stets nach Hause. Das Iftar-Mahl wird kurz nach Sonnenuntergang gemeinsam eingenommen. In den Emiraten am Golf haben die Menschen ihren Urlaub eingereicht. Viele Geschäfte sind geschlossen, die Straßen tagsüber menschenleer. Alkohol bekommen nur christliche Ausländer in den Fünf-Sterne-Hotels. An Muslime darf kein Tropfen ausgeschenkt werden, auch nachts nicht. Der heilige Fastenmonat soll innere Einkehr und intensive Zwiesprache mit Allah ermöglichen. Koranstudien werden zum täglichen Ritual. Nichts darf dem im Wege stehen.

Doch nachts werden die Gläubigen für alles entschädigt. Dann pulsiert das Leben. Zu keiner anderen Zeit gibt es so viele Kulturveranstaltungen wie im Ramadan. Musik und Tanz bis in den frühen Morgen, wenn der Muezzin wieder zum Fasten aufruft. Die Restaurants lassen sich nie so viele Leckereien einfallen wie zu Ramadan, die Geschäfte erstrahlen in ganz besonderem Glanz.



7 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2013-07-09 22:05:03


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Abdullah bei Afghanistan-Wahl in Führung
  2. Reifen geplatzt: Malaysia-Airlines-Jet notgelandet
  3. Ukraine verletzt laut Russland Genfer Beschlüsse
  4. Straßenschlachten in Caracas
  5. Wieder Zusammenstöße bei Protesten in Venezuela
Meistkommentiert
  1. Buhlen um Chinas Gunst
  2. Die Frisur des Anstoßes
  3. Das vergiftete Erbe
  4. Saudi Arabien erlaubt Sport für Mädchen
  5. "Wir können ein Abkommen erzielen"

Werbung



Mickey Rooney

Kurz und pfundig

Die richtige Dosis Albernheit: Mickey Rooney bei einer Probe. - © ap Seine letzte große Rolle spielte er neben Ben Stiller im Film "Nachts im Museum". Da war Mickey Rooney 86. Anfang März dieses Jahres war er noch... weiter




Nachruf

Tod im Kugelhagel

Anja Niedringhaus - © Reuters Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus ist einen Tag vor der Präsidentenwahl in Afghanistan erschossen worden. Ein afghanischer Polizist habe am... weiter




Todesfall

Hannes Haas, 1957 - 2014

20140324_haas - © WZ Online Wien. Univ.–Prof. Hannes Haas ist am Donnerstag völlig überraschend im 57. Lebensjahr einem Krebsleiden erlegen... weiter




Todesfall

Spaniens "Architekt des Übergangs zur Demokratie" ist tot

20140323suarez - © APAweb / Reuters, Eloy Alonso Madrid. Spaniens früherer Ministerpräsident Adolfo Suarez, der "Architekt des Übergangs zur Demokratie", ist tot. Der liberale Politiker starb am... weiter






20.4.2014: Viele Würfen fallen in St.Peterburg beim Brettspielfest.

Mal Ungeheuer, mal erotischer Verführer. Vampire und Vampirinnen haben viele Gesichter. Auf den Philippinen zeigen die Ultragläubigen, was wirkliches Leid bedeutet. Einige religiöse Fanatiker lassen sich mit diesen zentimeterlangen Nägeln kreuzigen.

Abstimmungsverhalten 14.-17.4.2014 Mit dem Kran wurde der rosa Hase auf einen Flugel der Wiener Albertina gehievt. Sein kleineres Aquarell-Alter-Ego von Albrecht Dürer ist drinnen zu sehen.

Werbung