• vom 26.11.2013, 17:37 Uhr

Weltchronik

Update: 26.11.2013, 18:15 Uhr

Vatikan

"Jesus aus Schablonen befreien"




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Von Hans Kronspieß

  • Papst Franziskus will in der katholischen Kirche Reformen auf allen Ebenen.

Will eine Kirche für die Benachteiligten: Papst Franziskus während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz. - © epa/Alessandro Di Meo

Will eine Kirche für die Benachteiligten: Papst Franziskus während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz. © epa/Alessandro Di Meo

Rom/Wien. Papst Franziskus hat seit seinem Amtsantritt nicht nur große Erwartungen geweckt - er scheint diese auch erfüllen zu wollen. Diesen Schluss lässt zumindest sein erstes Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium ("Freude des Evangeliums") zu.

Von einer "Regierungserklärung" des Papstes und einer "Lehrschrift, mit der er aus dem theologischen Schatten seines Vorgängers Benedikt XVI. heraustreten will", schrieb die Frankfurter Allgemeine im Vorfeld. Beides erfüllt der neue Franziskus-Text - das ist seit seiner Veröffentlichung am Dienstag, punkt 12 Uhr, klar. Der Argentinier auf dem Stuhl Petri geht seinen Weg zu einer offeneren katholischen Kirche, die vor allem barmherzig sein soll, unbeirrt weiter.

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Franziskus schreibt - fast wirkt es ungeduldig - von einer "unaufschiebbaren kirchlichen Erneuerung". Er adressiert diese Forderung allerdings nicht nur an die unteren Ebenen. Der Papst nimmt niemanden in der kirchlichen Hierarchie von der notwendigen Reform aus - auch nicht sich selbst. Denn unter Punkt 32 heißt es in dem Dokument unmissverständlich: "Da ich berufen bin, selbst zu leben, was ich von den anderen verlange, muss ich auch an eine Neuausrichtung des Papsttums denken." Er sei offen für Vorschläge, wie das Papstamt stärker an die von Jesus Christus gewollte Bedeutung und die heutigen Notwendigkeiten der Evangelisierung angepasst werden könne, erklärt Franziskus.

Der Ton in dem 184 Seiten langen Dokument wird allerdings noch deutlicher - dort, wo der Papst "Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung", "Nein zur neuen Vergötterung des Geldes", "Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen", und "Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt", sagt. Manche, wie der "Spiegel Online", erblicken darin eine "Kapitalismus-Kritik ganz in der Tradition der Befreiungstheologen".

Auf jeden Fall bleibt Papst Franziskus seiner Line treu, die er schon als Erzbischof von Buenos Aires verfolgte: Er will eine Kirche der Armen, die auch selbst arm sein muss, um glaubwürdig zu sein. Mit einer Wirtschaft, in der nur Reiche leben können, will er nichts zu tun haben, denn: "Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht."

Demütige Bitte an Moslems
Für skandalös hält dieser Papst auch Religionskonflikte und -kriege. Er verlangt ein friedliches Miteinander der Religionen. Beispielsweise müssten Christen die islamischen Einwanderer, die in ihre Länder kommen, "mit Zuneigung und Achtung aufnehmen", so wie sie in den Ländern islamischer Tradition aufgenommen und geachtet werden möchten.

Und eindringlich ersucht Franziskus umgekehrt die islamischen Staaten: "Bitte! Ich ersuche diese Länder demütig darum, in Anbetracht der Freiheit, welche die Angehörigen des Islam in den westlichen Ländern genießen, den Christen Freiheit zu gewährleisten, damit sie ihren Gottesdienst feiern und ihren Glauben leben können." Besorgt zeigte sich der Papst über jüngste "gewaltsame fundamentalistische Vorfälle"; Franziskus warnte aber zugleich vor "abscheulichen Verallgemeinerungen".

Überhaupt scheint Papst Franziskus eine Aversion gegen Fundamentalismen aller Art und pauschale Urteile zu haben. Von seiner Kirche verlangt er - und er thematisiert es in "Evangelii Gaudium" mehrmals dezidiert - "neue Wege" und "kreative Methoden", um "die ursprüngliche Frische der Frohen Botschaft" neu zu erschließen. Denn Jesus soll "aus den langweiligen Schablonen befreit werden, in die wir ihn gepackt haben".

Aufwertung der Bischöfe
Konkret verordnet Franziskus seiner Kirche eine "heilsame Dezentralisierung", denn "es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen".

Die ersten Reaktionen auf das Schreiben waren durchgehend positiv: Aus Österreich meldete sich etwa der neue Caritas-Präsident Michael Landau zu Wort. Er nannte das Schreiben ein "enorm ermutigendes und auch für die Caritasarbeit richtungweisendes Dokument".




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2013-11-26 17:41:05
Letzte ─nderung am 2013-11-26 18:15:12



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