• vom 11.07.2014, 16:35 Uhr

Weltchronik

Update: 11.07.2014, 16:36 Uhr

Erwin Krutler

Für Gott, Menschenwürde und Amazonien








Von Heiner Boberski

  • Erwin Kräutler, brasilianischer Bischof aus Österreich, Träger des Alternativen Nobelpreises, wird 75 Jahre alt.

Erwin Kräutler in der Natur des brasilianischen Regenwaldes - seine Kraft schöpft er aus regelmäßiger Meditation.

Erwin Kräutler in der Natur des brasilianischen Regenwaldes - seine Kraft schöpft er aus regelmäßiger Meditation.© Tyrolia/Archiv Prälatur Xingu Erwin Kräutler in der Natur des brasilianischen Regenwaldes - seine Kraft schöpft er aus regelmäßiger Meditation.© Tyrolia/Archiv Prälatur Xingu

Man hat ihn schwer misshandelt und beinahe umgebracht. Man hat ihn verleumdet und einige seiner engsten Mitarbeiter getötet. Er wurde aber auch geehrt und genießt hohe Sympathien für sein unerschrockenes, unermüdliches Eintreten für seine Mitmenschen und seine Mitwelt am Amazonas. Mit der Vollendung seines 75. Lebensjahres am 12. Juli kommt für Erwin Kräutler, den langjährigen Bischof der brasilianischen Prälatur Xingu, gemäß dem Kirchenrecht der Zeitpunkt, seinen Rücktritt anzubieten. Sein geografischer Verantwortungsbereich, viereinhalb Mal so groß wie Österreich und mit mehr als 360.000 Quadratkilometern der größte eines römisch-katholischen Bischofs, soll künftig in drei Diözesen geteilt werden.


Im neuen Buch "Mein Leben für Amazonien" zieht Dom Erwin, wie ihn alle nennen, unterstützt vom Salzburger Journalisten Josef Bruckmoser, Bilanz über sein Leben. Er stammt aus Koblach in Vorarlberg. Als Gymnasiasten, der in den Ferien auf dem Bau arbeitet, prägen ihn die Katholische Arbeiterjugend und das Vorbild der französischen Arbeiterpriester. Als er sich nach der Matura für den Priesterberuf entscheidet, gerät er auf die Spuren seines Onkels Erich, der zur Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut gehört und schon 1934 nach Amazonien gegangen ist, wo er von 1971 bis 1981 als Bischof der Prälatur Xingu wirkt. Erwin tritt in den gleichen Orden ein, studiert in Salzburg, wird 1965 zum Priester geweiht und betritt am 18. November dieses Jahres erstmals brasilianischen Boden.

Ein Bischof ohne Mitra
"Es sind die Menschen, denen ich mein Leben widme. Es sind die Menschen, die ich liebe und kenne, und es sind die Menschen, die mich lieben. Der Grund dafür ist einfach: Als ich vor 45 Jahren, 1965 nach Brasilien, nach Amazonien und an den Xingu kam, spürten sie, dass ich nicht auf der Suche nach Reichtum oder Privilegien kam. Ich kam, um diesen Töchtern und Söhnen Gottes zu dienen. Sie sind die Frauen und Männer, die mit mir unterwegs sind. Gemeinsam schützen wir ihre Würde, ihre Menschenrechte und unsere Umwelt - unser gemeinsames Haus auf der Mutter Erde. Ökologie - vom griechischen Wort ,oikos‘ - bedeutet Haus, Heim! Diese Menschen wissen sehr genau, dass sie nicht überleben werden, wenn Amazonien weiterhin missachtet und zerstört wird. Und sie wissen, dass diese grausame Zerstörung für den Planet Erde nicht wiedergutzumachende Folgen hat. Es wird die wirkliche Apokalypse sein."

Diese Sätze stammen aus der Rede Erwin Kräutlers am 6. Dezember 2010 im schwedischen Reichstag in Stockholm, als er den Alternativen Nobelpreis, offiziell "Right Livelihood Award" genannt, entgegennahm. In dieser Ansprache, aus der - wie aus seinem erfrischend Klartext sprechenden neuen Buch - nahezu jeder Satz zitierwürdig ist, widerspiegelt sich deutlich seine Grundanliegen: Menschenrechte und Ökologie. Aus Kräutler spricht kein abgehobener Amtsträger einer sich hinter "ehernen" - oft dogmatisch aber wenig fundierten - Lehrsätzen, Traditionen und Kirchenrechtsparagraphen verschanzenden Hierarchie, sondern ein von der biblischen Frohbotschaft erfüllter Mensch und Christ, der anderen auf Augenhöhe begegnen will - als Mitbruder in einer geschwisterlich in die Zukunft pilgernden Gemeinschaft.

Sein Kirchenbild ist vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) geprägt, besonders vom "Katakomben-Pakt", den damals am Rande dieser großen Kirchenversammlung einige Bischöfe initiierten, die sich zu einem Leben in Bescheidenheit, zu sozialem Einsatz und zu Offenheit gegenüber allen Menschen verpflichteten. Die Kirche Lateinamerikas rief in der Folge die "Option für die Armen" aus, die "Theologie der Befreiung", die jetzt wieder auflebt, griff um sich.

"Ein Bischof braucht bestimmte Insignien nicht" und "Seine Autorität besteht im Dienst am Volk Gottes", schreibt Kräutler, der es ablehnt, eine Mitra aufzusetzen. Sein Bischofsamt trat er 1981 an, nachdem ihm der damalige Nuntius in Brasilien versichert hatte, eine Umfrage unter Priestern, Ordensfrauen und Laien in der Diözese habe ein eindeutiges Votum für ihn erbracht.

Menschen- und Umweltschutz
Als sich der junge Bischof mit Zuckerrohrpflanzern solidarisiert, die wegen vorenthaltener Löhne die wichtige Verkehrsroute Transamazonica blockieren, wird er am 1. Juni 1983 von der Polizei brutal zusammengeschlagen. Dass viele Menschen "Lasst ihn los, er ist unser Bischof!" rufen, empfindet er "wie eine zweite Bischofsweihe". Der Vorfall kommt in die Medien, neun Tage später wird allen der Lohn ausbezahlt.

Kräutlers Einsatz gilt besonders den Indios der Amazonasregion. Als Präsident des Rates der Brasilianischen Bischofskonferenz für die indigenen Völker hat er erreicht, dass deren Rechte in der neuen Verfassung von 1988 verankert sind. In der Praxis geht der Kampf freilich weiter, vor allem um die Erhaltung des Lebensraums dieser Völker, des Regenwaldes. Darum hat Kräutler auch heftig das Staudammprojekt Belo Monte bekämpft. Die Naturschutzorganisation WWF nannte ihn 2010, als er den Alternativen Nobelpreis bekam, den "wichtigsten Menschen- und Umweltschützer Brasiliens".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-07-11 15:47:04
Letzte nderung am 2014-07-11 16:36:29



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