• vom 19.11.2014, 17:04 Uhr

Weltchronik


SŁdkorea

Alles oder nichts




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • Das südkoreanische Bildungssystem bildete einst den Motor für den rasanten Wirtschaftsaufstieg des Landes. Heute ist es dessen größtes Übel.

Während südkoreanische Gymnasiasten in der Marathonprüfung zum Uni-Eintritt sitzen, zünden ihre Eltern Kerzen in Tempeln für sie an.

Während südkoreanische Gymnasiasten in der Marathonprüfung zum Uni-Eintritt sitzen, zünden ihre Eltern Kerzen in Tempeln für sie an.© ap/Ahn Young-joon Während südkoreanische Gymnasiasten in der Marathonprüfung zum Uni-Eintritt sitzen, zünden ihre Eltern Kerzen in Tempeln für sie an.© ap/Ahn Young-joon

Seoul. An einem Tag im Jahr kommt das Land auf der Überholspur für einen Vormittag lang zum Stillstand: Die Büros und Aktienmärkte öffnen verspätet, der Luftraum bleibt vorübergehend geschlossen, sämtliche Militärübungen werden unterbrochen. Nichts darf die Ordnung stören, wenn Südkoreas Oberschüler zum Universitätseingangstest antreten. Die Prüfung, genannt Suneung, ist die Quintessenz des konfuzianischen Bildungshungers.

Für die landesweit 640.000 Gymnasiasten, die heuer dieser Tage antraten, waren es die acht bedeutsamsten Stunden ihres Lebens, denn die Punktzahl entscheidet, auf welche Universität sie zugelassen werden. Wer einen Platz auf den drei Elite-Unis ergattert, hat wahlweise eine Festanstellung bei den großen Konglomeraten oder eine Beamtenlaufbahn sicher. Der großen Mehrheit bleibt die gesellschaftliche Tür nach ganz oben versperrt. Die konformistische Gesellschaft kennt nur wenige Wege zum Erfolg. Alles oder nichts heißt es für Südkoreas Jugend.

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Der 28-jährige Maschinenbaustudent Park Jin-hyeon erinnert sich noch gut an seine letzten drei Oberstufenjahre, die ausschließlich aufs Suneung ausgelegt waren: Um 7 Uhr klingelte die Schulglocke, bis 11 Uhr nachts lief der Nachhilfeunterricht. Dann warteten zuhause noch die Hausaufgaben. "Am nächsten Tag ging das Ganze dann von vorne los", erzählt Park, der derzeit Doktorand auf der renommierten Seoul National University ist.

Ein gängiges Sprichwort unter Südkoreas Jugend lautet: Wenn du drei Stunden schläfst, wirst du den Test bestehen. Vier Stunden Schlaf - und du fällst durch. Die Oberschüler des Landes stemmen 100 Stunden Wochen wie Top-Manager. Freie Sonntage? Fehlanzeige.

Im Ausland wurde das heimische Bildungssystem lange Zeit zum Vorbild verklärt. Wiederholt lobte US-Präsident Barack Obama das Bemühen südkoreanischer Eltern, ihren Kindern eine gute Bildung zu ermöglichen. Tatsächlich waren noch vor 60 Jahren der Großteil der Bevölkerung Analphabeten. Heute gibt es in keinem Land der Welt mehr Uni-Absolventen. Abgesehen von Singapur, Hongkong und Shanghai sind Südkoreas Schüler Pisa-Weltmeister.

Hohe psychologische Kosten
Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Längst wird das Bildungssystem von Experten für viele der gesellschaftlichen Übel verantwortlich gemacht: von fehlenden sozialen Skills der Jugend bis hin zur wachsenden Ungleichheit - vor allem aber für eine der höchsten Suizidraten der Welt.

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Dokument erstellt am 2014-11-19 17:08:07



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