• vom 19.03.2015, 18:10 Uhr

Weltchronik

Update: 19.03.2015, 18:45 Uhr

Leder

"Ausgebeutet wird immer. Manchmal auf etwas nettere Weise"




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Von Cathren Landsgesell

  • Die Aktivistin Sunila Singh im Interview über die indische Schuhindustrie.

"Wiener Zeitung":Die indische Bekleidungsindustrie ist berüchtigt für ihre unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Trifft dies auch auf die Schuhindustrie zu?

Information

Sunila Singh arbeitet für die Society for Labour and Development in Neu Delhi. Die Organisation ist einer von insgesamt 17 internationalen Partnern, die mit der österreichischen NGO Südwind in den kommenden drei Jahren die Bedingungen in der globalen Schuhindustrie recherchieren wollen.


Sunila Singh: Man muss differenzieren: In der Lederverarbeitung im Bundesstaat Tamil Nadu zum Beispiel sind die Bedingungen besser als in Ludhiana im Punjab oder in Kalkutta in Westbengalen. In einer Gerberei in Kalkutta ist es natürlich furchtbar. Es gibt dort viel Kinderarbeit. Die eingesetzten Chemikalien sind extrem giftig. In Agra, einem Zentrum der Schuhindustrie in Uttar Pradesh sind die Arbeiter aber in der Regel ausgebildet, sie erhalten zumindest den vereinbarten Mindestlohn, teilweise bezahlten Urlaub und Ähnliches.

Worauf sind diese Unterschiede zurückzuführen?

Ausbeutung gibt es immer, aber auf eine etwas nettere Weise. Ich denke, das hat damit zu tun, dass in Agra sehr hochwertige Produkte für den Export hergestellt werden. Auch in Tamil Nadu, in dessen Hauptstadt Chennai eine der weltweit größten Messen der Lederindustrie stattfindet, sind die Bedingungen vergleichsweise gut. In Ludhiana hingegen wird nur für den heimischen Markt produziert. Es arbeiten dort sehr viele migrantische Arbeiter, die meistens keine Ausbildung haben.

Wie groß ist die Schuhindustrie in Indien? Wie viele Menschen sind dort beschäftigt?

Indien ist nach China der zweitgrößte Lederwaren-Exporteur. Laut staatlichen Statistiken arbeiten rund 2,5 Millionen Menschen für die Branche. 30 Prozent sind Frauen. Die Industrie macht damit einen Umsatz von rund acht Milliarden Dollar jährlich. Die Schuh-Exporte gehen vor allem nach Großbritannien, Deutschland und Italien. Aber auch nach Österreich: Laut Informationen der Branche hat Indien 2014 Lederwaren für 38 Millionen Dollar nach Österreich exportiert. Afrika und Westasien sind aber ebenfalls wichtige Märkte.

Sind es vor allem Angehörige niedrigerer Kasten, die in der Lederindustrie arbeiten?

Das scheint so zu sein. Über die Schuhindustrie weiß man relativ wenig. Aber man muss differenzieren. In den Gerbereien mit den schlimmsten Arbeitsbedingungen arbeiten viele Migranten, viele davon noch Kinder und Angehörige niedrigerer Kasten. In den Fabriken in Agra sind die Bedingungen besser, da ist die soziale Ausgrenzung nicht so extrem.

Welche europäischen Firmen lassen in Indien Schuhe produzieren?

Darunter sind bekannte Firmen wie Acne, Bally, Clarks, Nike, Reebok, Timberland, Esprit usw. und auch Luxusmarken wie Armani, Gucci oder Louis Vuitton.

Der europäische Bekleidungshandel argumentiert immer wieder, dass er die Produktionskette nicht kontrollieren könne, weil Verträge an Zwischenhändler weitergegeben werden usw. Ist das in der Schuhindustrie ähnlich?

Das wissen wir noch nicht. Wir beginnen erst in der gemeinsamen Studie von Südwind mit einer genaueren Recherche. Ich denke, dass es auch in der Schuhindustrie ein System von Zwischenhändlern gibt. Allerdings ist die Schuhfertigung anspruchsvoller als die Herstellung von Kleidung. Der Qualitätsanspruch ist hoch. Es gibt in dem Bereich auch mehr staatliche Kontrollen und Reglementierungen.




Schlagwörter

Leder, SŘdwind, Ausbeutung, Mode, Industrie

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-19 18:14:06
Letzte ─nderung am 2015-03-19 18:45:38



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