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Weltchronik

Update: 08.04.2016, 09:23 Uhr

Syrien-Flüchtlinge

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Von WZ-Korrespondentin Iris Mostegel

  • Weil sie im Libanon offiziell nicht arbeiten dürfen, weichen syrische Flüchtlinge aufs Internet aus. Ihr Angebot: Arabisch-Unterricht via Skype. Heute haben sie bereits 230 Kunden weltweit.

Die Studentin Asalah Razzouq ist eine von 25 syrischen Neo-Lehrern, die vom Libanon aus via Skype Arabisch unterrichten.

Die Studentin Asalah Razzouq ist eine von 25 syrischen Neo-Lehrern, die vom Libanon aus via Skype Arabisch unterrichten.© Mostegel Die Studentin Asalah Razzouq ist eine von 25 syrischen Neo-Lehrern, die vom Libanon aus via Skype Arabisch unterrichten.© Mostegel

Beirut. In einem Wohnzimmer in den Bergen des Libanon steht eine Wanduhr auf 16.57 Uhr. Asalah Razzouq in Aley ist spät dran, in nur drei Minuten geht es für die frühere Sekretärin aus Syrien los. Hastig eilt die 32-Jährige in den Nebenraum, um mit einem großen schwarzen Notebook zurückzulaufen. Ein Blick auf die Wanduhr, Notebook auf den Klapptisch, Stecker in den Strom, rein ins Internet, geschafft; der Zeiger jetzt steht auf fünf. Und im Wohnzimmer in den Bergen Libanons läutet ihr Skype-Anschluss. "Ahlan, keefik?", ruft eine Männerstimme aus Michigan in den Bildschirm. "Gut, danke!", antwortet Razzouq. "Und dir?"

"Ich muss nächste Woche eine Arbeit über Tschetschenien abliefern, ziemlich kompliziert", seufzt der Ethnologe aus Michigan. Die Syrerin lacht in den Bildschirm. "Brauchst du Hilfe?" Die Stimme verneint - der Unterricht beginnt. Die kommenden 60 Minuten wird die ehemalige Sekretärin mit dem Ethnologen über Hochzeitsbräuche in Syrien und den USA sprechen - kaum ein Wort Englisch, fast alles auf Arabisch. Bald wird der Ethnologe für eine Feldforschung nach Jordanien reisen, bis dahin soll Razzouq seine Sprachkenntnisse auf Vordermann gebracht haben.

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2013 vor den syrischen Kriegswirren in die Berge des Libanon geflohen, war Razzouq 653 Tage ohne Arbeit. Nicht, weil sie nicht wollte, sondern weil sie nicht durfte, denn mit seinen mehr als 1,2 Millionen syrischen Flüchtlingen hält der vier Millionen-Einwohnerstaat Libanon seinen formalen Arbeitsmarkt für die meisten Schutzsuchenden verschlossen. Also wich die 32-Jährige vor einigen Monaten aufs Internet aus, genauer gesagt auf eine Plattform namens "NaTakallam", arabisch für "Wir sprechen". So heißt die 2015 gegründete Skype-Sprachschule, die vor allem Konversationsstunden für Syrisch-Arabisch anbietet und für die ausschließlich Flüchtlinge aus Syrien arbeiten - ehemalige Anwälte, Architekten und Studenten. Nur wenige haben eine formale Lehrausbildung, dafür Enthusiasmus und viel zu erzählen. Und wohl genau deshalb scheinen die 25 Neo-Lehrer so gut anzukommen, immerhin zählen sie derzeit 230 Kunden rund um den Globus: USA, England und Australien, Frankreich, Schweiz und Schweden, ja sogar bis nach Singapur und Alaska hat sich die virtuelle Lehranstalt bereits herumgesprochen.

Win-win-Situation
Dabei war das Ganze bis vor 13 Monaten nichts als eine Idee auf Papier. Für einen Start-up-Wettbewerb an der New Yorker Columbia University hatte die 31-jährige Libanesin Aline Sara das Grundkonzept des heutigen "NaTakallam" skizziert; die Gleichung lautete: Paare die Sprachkenntnisse von syrischen Flüchtlingen im Libanon mit dem steigenden Bedarf nach umgangssprachlichem Arabisch und biete das Ganze mit 15 Dollar zu einem günstigeren Stundenpreis als üblich an, wobei zehn Dollar direkt in die Tasche der Flüchtlinge wandern. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Den Start-up-Wettbewerb gewann die in New York aufgewachsene Sara zwar nicht, den Echtlauf schon: Die Zahl der Kunden stieg inzwischen um das 15-fache. "Inzwischen schlossen sich unserem Lehrstab auch syrische Flüchtlinge aus Brasilien, Kairo, Paris und Berlin" an, erzählt die Ex-Journalistin. Derzeit laufen Gespräche mit Universitäten aus dem anglophonen Raum, um die Skype-Konversationskurse als Ergänzung zum traditionellen Curriculum in den Arabischunterricht zu integrieren.

Suche nach Nischen
Ein unkonventionelles Projekt mit Expansionspotenzial. Doch auch außerhalb des Libanon scheint die Flüchtlingskrise wie ein Stimulus für kreative Joblösungen gewirkt zu haben. Statt auf starre Arbeitsmarktschemata wird auf die Stärken der Flüchtlinge gesetzt, daraus entstehen neue Nischen . Wie etwa das erfolgreiche Gourmet-Zustellservice "Eat Offbeat" in New York, wo Flüchtlinge aus dem Irak, Eritrea und Nepal als Küchenchefs die Big-Apple-Klientel mit Spezialitäten aus der Heimat bekochen und beliefern. Oder das im Vorjahr an den Start geschickte "Hotel Magdas" in Wien, das von Flüchtlingen betrieben wird und dessen "United Colors of Benetton"-Note sich bis heute als Zugpferd erweist.

Start-ups nach Maß
Oder aber jenes noch viel breiter angelegte Projekt aus Australien namens "Ignite Small Business Start-ups", ein Gründerservice für Flüchtlinge. Mit Hilfe eines engmaschigen Mentoren- und Freiwilligennetzwerks lässt die Initiative der australischen Non-Profit-Organisation "Settlement Services International" (SSI) seit 2013 die Geschäftsideen unternehmensfreudiger Geflüchteter Wirklichkeit werden - Letztere dabei mitunter keine drei Wochen im Land und ohne jegliche Englischkenntnisse, wie Programmkoordinatorin Dina Petrakis berichtet. 44 Unternehmen hätten Flüchtlinge seit Programmstart vor zweieinhalb Jahren gegründet; die Palette reiche von der Baufirma und Fotoagentur bis zum Süßwarengeschäft, Friseurladen oder Modedesignbüro. "Zu Beginn kommen die Flüchtlinge voller Enthusiasmus in das Land. Das muss man sich einfach zunutze machen", meint Petrakis.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-04-07 17:53:04
Letzte ─nderung am 2016-04-08 09:23:05



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