• vom 17.06.2016, 07:43 Uhr

Weltchronik

Update: 29.06.2016, 21:59 Uhr

Kuba

"Je verbotener, desto magischer"




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Von Konstanze Walther

  • Der kubanische Fotograf Eduardo Hernández Santos über Schwulsein und die sozialen Veränderungen auf Kuba.



"Über die Blumen." (Originaltitel "A proposito de las flores." Serie 1994-1996)

"Über die Blumen." (Originaltitel "A proposito de las flores." Serie 1994-1996)© Santos "Über die Blumen." (Originaltitel "A proposito de las flores." Serie 1994-1996)© Santos

"Die kubanische Revolution initiierte nach ihrem Sieg einen großen kulturellen Aufschwung", schreibt die österreichische Lateinamerika-Expertin Ingrid Fankhauser in ihrem Buch über kubanische Fotografie "Mein Körper ist mein Land" ("Mi cuerpo es mi país. Der Körper als Schauplatz in der aktuellen kubanischen Fotografie").

In den 1980er Jahren erfuhr die isolierte Karibikinsel eine Aufbruchsstimmung, die an jene Europas in den 1960ern erinnert. In Kuba erschüttert "speziell die konzeptuelle Fotokunst Konventionen und demystifiziert gewohnte Sichtweisen des revolutionären Alltags", der von Bildern des romantisierenden Sozialrealismus geprägt war. Einer der wichtigsten Vertreter der kubanischen konzeptionellen Fotografie ist Eduardo Hernández Santos. Heute ist er ein anerkannter Professor für Fotografie auf Kuba, doch seine Darstellung von Homosexualität sorgte in den 1990er Jahren für Skandale. "Sein Katalog zur Ausstellung 1999 (...) durfte nicht verbreitet werden. Ferner entfernte man zwei Kunstwerke noch vor der Ausstellung, die anstatt einem Monat nur vier Tage dauerte. Heute haben sich die Dinge auf Kuba signifikant verbessert, meint Hernández Santos, der auf Einladung des Presseclubs Concordia und des Österreichischen Lateinamerika Instituts derzeit in Wien ist. Die "Wiener Zeitung" hat mit ihm über Schwulsein im Machismo und über die Angst der Insel, etwas zu verpassen, gesprochen.



Information

Eduardo Hernández Santos (geb. 1966) setzte sich als einer der ersten kubanischen Fotokünstler
mit dem Thema der Homoerotik auseinander. Hérnandez Santos ist Ehrengast am Concordia Ball am Freitag, im Wiener Rathaus.

Am Dienstag, 21. 6., findet um 18 Uhr eine öffentliche Diskussion mit dem Fotografen im Wiener Presseclub Concordia statt.

"Wiener Zeitung":Weshalb hat es diese Aufbruchsstimmung in den 1990ern auf Kuba gegeben?

Eduardo Hernández Santos: Die 1990er waren eine sehr komplexe Dekade für Kuba. Die Berliner Mauer war gerade gefallen. Das ganze sozialistische Landschaft war am Zerbrechen. Das offizielle Kuba verlor in gewisser Weise seine bisherigen Referenzpunkte, was vorher klar war, war auf einmal schwammig. Die kubanische Kunst ist aber da richtig zum Leben erwacht, neue Antworten auf neue Fragen zu finden. Wir, eine Gruppe von Fotografen, haben es uns auf die Fahnen geschrieben, eine Kunst zu machen, die Veränderung bewirkt. Früher bedeutete Fotografie auf Kuba das schiere Dokumentieren der Realität. Wir haben dagegen unsere Fotografien wie Gemälde in Szene gesetzt, wir sind nicht auf die Straße gegangen, sondern haben in privaten Zimmern den Raum für Reflexionen geschaffen. Und wir haben uns Themen angenommen, die vorher noch nie von der Fotografie angegangen wurden. In meinem Fall war das der homosexuelle Mann. Andere haben sich mit Ethnien beschäftigt, mit dem Frausein, mit der Religiosität.

Wie ist die Situation von Homosexuellen auf Kuba? In Europa haben wir den Eindruck, dass diese ein enormes Tabu darstellt.

Naja, von der Ferne kann man sich einem Thema nur ansatzweise verstehen. Man muss die Realität leben, um sie wirklich verstehen zu können. Vor 20, oder vielleicht noch vor 10 Jahren, war Schwulsein auf Kuba ein echtes Tabu. Für Künstler wie mich war es eigentlich absolute Dreistigkeit, sich damit auseinanderzusetzen. Ich bin auf viel Unverständnis gestoßen. Abgesehen davon, dass die Menschen gerne Neues ablehnen, ist die kubanische Gesellschaft noch extrem machistisch. Im Laufe ihrer Geschichte - von der Kolonialzeit weg bis in die jüngere Vergangenheit - ist die kubanischen Nation oft von diesen starken Macho-Figuren geprägt worden. Symbole des Machos. Des Mannes. Der Macht. Der, der das Sagen hat. Der, der in den Krieg zieht. Das ist zwar auch in vielen anderen Herren Ländern vorgekommen, aber auf Kuba beeinflusst diese Einstellung noch immer das Verhalten der Männer in dem täglichen Leben. Genau das verändert sich nun massiv. Inzwischen sieht man auf der Straße Transvestiten. Und in der Vergangenheit haben viele Nachtclubs für Schwule eröffnet. Das bedeutet aber nur, dass man sich daran gewöhnt hat. Die Gesellschaft an sich ist noch immer machistisch. Aber es gibt diese kleinen Schritte hin zu mehr Diversität. Auch wenn es auf Kuba in der Vergangenheit schwierige und traurige Momente gegeben hat.

Der bekannte kubanische Schriftsteller Reinaldo Arenas hat seinen Gefängnisaufenthalt auf Kuba seinem Schwulsein zugeschrieben und hat bis zu seinem Tod im Exil 1990 gegen Kuba gewettert.

Reinaldo Arenas war ein brillanter Mann und ein äußerst interessanter Schriftsteller. Aber er hatte auch einen äußerst tiefsitzenden Groll gegenüber Kuba. In der Vergangenheit hat es seitens der offiziellen Stellen ein Unverständnis gegenüber Homosexualität gegeben. Aber jetzt gibt es eine große Billigung von verschiedenen sexuellen Ausrichtungen. Und wie gesagt, heute sieht man auf der Straße Transvestiten. Und zwar nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tag. Das hätte es vor 20 Jahren nicht gegeben. (Arenas ist 1980 aus Kuba geflohen, Anm.) Wenn die Menschen etwas sehen, fangen sie auch an, etwas zu akzeptieren. Die heutige Jugend hat sehr viele Freiheiten. Kuba ist nicht aus dem internationalen Kontext wegzudenken.

Haben die wieder aufgenommenen, als historisch gefeierten diplomatischen Beziehungen mit den USA eine Verbesserung gebracht?


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-06-16 18:29:06
Letzte ─nderung am 2016-06-29 21:59:48



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