• vom 07.08.2016, 08:00 Uhr

Weltchronik


Japan

Geht der Kaiser in Pension?




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Von WZ-Korrespondentin Sonja Blaschke

  • Am Montag verliest der japanische Kaiser Akihito die zweite Videobotschaft seines Lebens. Die Japaner spekulieren, ob ihr Staatssymbol aus Altersgründen abdanken möchte.

Tokio. Ein kleingewachsenes, grauhaariges Paar betritt den Raum. Sie setzen sich bedächtig auf die Knie, beide in Hosen und Rollkragenpullovern, er eine unauffällige graue Jacke darüber, sie eine längere blaue. Nur die ehrerbietige Reaktion der auf Matten am Boden hockenden Menschen im Raum verrät, dass diese gerade dem japanischen Kaiserpaar gegenübersitzen. Wurde Kaiser Hirohito bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges noch wie ein Gott verehrt, gibt sich dessen Sohn Akihito mit seiner Frau Michiko bewusst volksnah. Nicht erst seit dem Besuch des stets bescheidenen Paares in den Notunterkünften nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami 2011 haben die Monarchen einen festen Platz im Herzen der Japaner.

Am kommenden Montag könnte jedoch eine Ära zu Ende gehen. Der Tenno will eine Videobotschaft verlesen - ein höchst ungewöhnlicher Schritt, zu dem er sich erst einmal kurz nach der Katastrophe 2011 entschloss. Über den Inhalt wird in Japan viel spekuliert. Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender NHK berichtete am Freitag, dass der Kaiser etwa zehn Minuten lang über seine Pflichten als Symbol der Nation sprechen wolle. Dabei würde er - wahrscheinlich auf typisch japanisch indirekte Weise - seinem Wunsch, den Chrysanthemen-Thron zu verlassen, Ausdruck verleihen. Das Video soll auf der Website des kaiserlichen Hofamtes ab 15 Uhr zugänglich sein, samt englischer Übersetzung.

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Bereits vor einigen Wochen hatte Akihito entsprechende Andeutungen gemacht. Der 82-Jährige soll NHK zufolge gesagt haben, dass er "an einem bestimmten Punkt" abdanken wolle. Er wolle sein Amt nur so lange ausfüllen, wie er dies gesundheitlich uneingeschränkt vermag. 2003 hatte er sich Behandlungen gegen Prostatakrebs unterziehen müssen, 2012 einer Bypass-Operation. Auf die Frage, ob der Kaiser zu viele offizielle Pflichten habe, stimmen fast 90 Prozent der Japaner in einer Umfrage der Nachrichtenagentur "Kyodo" zu.

Nur zeremonielle Aufgaben
Es gibt nur einen Haken: In den gültigen Gesetzen, die die Angelegenheiten des kaiserlichen Hofamtes regeln, gibt es keinen solchen Passus der Niederlegung des Amtes. Bevor Akihito abdanken könnte, müsste erst das Gesetz geändert werden. Laut einer Umfrage der Zeitung "Yomiuri" unterstützen über 84 Prozent der Japaner Akihitos Wunsch. Zuletzt verzichtete ein japanischer Kaiser 1817 auf den Thron. Akihito, der 125. Tenno, ist der erste, der nur noch rein zeremonielle Aufgaben wahrzunehmen hat. Dies ist in der Nachkriegsverfassung von 1947 festgelegt, die aus Japan eine konstitutionelle Monarchie machte. Die Souveränität lag fortan nicht mehr beim Kaiser, sondern beim Volk. Hirohito, der seit 1926 regierte, wurde damit über Nacht quasi vom Gott-Kaiser zum Menschen. Welche Rolle er im Zweiten Weltkrieg spielte, in dem Japan in Asien als Aggressor auftrat, ist bis heute umstritten.

1989 folgte Akihito seinem Vater im Amt nach. Jedes Mal, wenn in Japan ein neuer Kaiser den Chrysanthemen-Thron besteigt, gibt er seiner Amtszeit ein Motto, die der Ära den Namen gibt. Im Falle von Akihito lautet es "Heisei", "Frieden überall". Daran angelehnt, nennt man in Japan das Jahr seiner Thronbesteigung auch nicht 1989, sondern spricht von Heisei 1. Aktuell leben Japaner im Jahr Heisei 28.

Das Motto passt gut zu Akihito, der in den letzten Jahren immer häufiger mit feinen Worten, aber treffenden Tönen gegen den zunehmenden Rechtsruck der japanischen Regierung unter dem seit Ende 2012 regierenden Premierminister Shinzo Abe ansprach. Deutlicher - und aufrichtiger - als japanische Politiker drückte Akihito Bedauern für die Untaten der japanischen Armee im Zweiten Weltkrieg in den Nachbarländern aus.

Der Tenno, der sich einen Namen als Meeresbiologe gemacht hat, ist seit 1959 mit Michiko verheiratet, der ersten Bürgerlichen in der royalen Familie. Sie haben drei Kinder. Der älteste, Naruhito, würde seinem Vater auf den Thron folgen. Dessen Frau Masako ist bekannt als die "traurige Prinzessin", weil sie infolge der Einschränkungen durch das Leben am kaiserlichen Hof an einer "Anpassungsstörung" leidet. In den vergangenen Jahren blühte sie aber zunehmend auf.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-05 17:11:04
Letzte Änderung am 2016-08-06 22:13:33



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