• vom 18.08.2016, 18:02 Uhr

Weltchronik

Update: 18.08.2016, 18:16 Uhr

Europäisches Forum Alpbach

Die Wasserflüsterin




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Von Konstanze Walther aus Alpbach

  • Rita Colwell stellte einen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Anstieg von Infektionen fest.

Die Forschung zählt auch im Alter von 81 Jahren für Rita Colwell zum Alltag. - © efa/Andrei Pungovschi

Die Forschung zählt auch im Alter von 81 Jahren für Rita Colwell zum Alltag. © efa/Andrei Pungovschi

Alpbach. Der Klimawandel führt über die Erwärmung der Meere zu einer Häufung von Infektionskrankheiten. "Dieser Zusammenhang ist ziemlich dramatisch", sagt Rita Colwell. Die 81-jährige Mikrobiologin, die anlässlich der Seminarwoche des Europäischen Forum Alpbach zu Gast ist, nimmt Worte wie "dramatisch" nicht leichtfertig in den Mund. Aber es geht um das Ergebnis ihrer jüngsten Forschungsarbeit, die vergangene Woche in dem Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht worden ist. Colwell und ihr Team haben die Wassertemperatur und die Planktonentwicklung im Nordatlantik in den vergangenen 50 Jahren untersucht. Da die Meerestemperatur in diesem Zeitraum um 1,5 Grad Celsius angestiegen ist, hat sich mehr Plankton entwickelt. "Im Nordatlantik wird seit 50 Jahren jede Woche das Plankton untersucht, das sich an dem Unterbauch von Schiffen ablagert. Wir haben aus dem Plankton die Erbinformation (DNS) extrahiert und so auch die DNS der Bakterien, genauer gesagt von Vibrionen, bestimmen können. So haben wir herausgefunden, dass das Aufkommen der Bakterien im Meer sechs Mal höher ist als vor 50 Jahren", erklärt Colwell im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Bakterien reichen von den Erregern von Durchfallerkrankungen bis hin zu dem Stäbchenbakterium Vibrio Vulnificus, das in den Worten von Colwell "äußerst scheußlich ist: Wenn man eine offene Wunde hat, reicht ein kleiner Schnitt oder eine Abschürfung, und das Bakterium kann in das Gewebe eindringen und die Organe zersetzen. Das Bakterium kann dich in wenigen Tagen töten."

Und wenn Bakterien erst einmal aufkommen, ist es schwierig, sie wieder zu bändigen: "Bakterien bleiben nicht einfach in der Ecke sitzen. Sondern sie bewegen sich überall hin."


Ihr immenses Wissen über die Welt der Kleinstlebewesen hat sich Colwell durch jahrzehntelange Forschung zu Cholera in Bangladesch und Indien angeeignet - und um die Mikroben zu verstehen, die die Krankheit mit sich bringen, müsse man verstehen, unter welchen klimatischen Bedingungen sie sich ausbreiten. Colwell hat schließlich ein Modell entwickelt, wie man Cholera-Ausbrüche exakt vorhersehen kann - und zwar mittels Satellitenbildern der Nasa. Auf denen könne man etwa im Golf von Bengalen genau erkennen, wann das Planktonwachstum vor der Küste seinen Höhepunkt erreicht. Dann ist davon auszugehen, dass in sechs bis acht Wochen die Bakterien in den Bäuchen der Ruderfußkrebse, einer Gruppe von Zooplankton, gereift und in die Flüsse transportiert worden sind. Danach führt das eine wieder zum anderen: Die Küstenregion am Golf von Bengalen wird zweimal im Jahr - Frühling und Herbst - von einem Cholera-Ausbruch heimgesucht. "Das Faszinierende an diesen Bakterien ist, dass sie zwischen diesen Zyklen in eine Art Winterschlaf gehen, sodass man sie in diesem Zustand nicht einmal mehr entdecken kann." Deswegen sei es der Forschung auch noch nicht gelungen, das Bakterium zu isolieren und auszurotten. Denn während es sich im "Ruhezustand" befindet, kann man es auch nicht im Labor züchten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-08-18 18:08:07
Letzte nderung am 2016-08-18 18:16:11



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