• vom 22.09.2016, 17:24 Uhr

Weltchronik

Update: 22.09.2016, 18:06 Uhr

Black Lives Matter

Nacht der Wut in Charlotte




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Von Michael Mathes

  • Proteste gegen Polizeigewalt in den USA eskalierten erneut. Ausnahmezustand wurde ausgerufen.

Wütend sind die Menschen in Charlotte über die beinahe Alltäglichkeit, mit der Schwarze in den USA durch Polizeigewalt ums Leben kommen.

Wütend sind die Menschen in Charlotte über die beinahe Alltäglichkeit, mit der Schwarze in den USA durch Polizeigewalt ums Leben kommen.© APAweb, ap, Jeff Siner/The Charlotte Observer Wütend sind die Menschen in Charlotte über die beinahe Alltäglichkeit, mit der Schwarze in den USA durch Polizeigewalt ums Leben kommen.© APAweb, ap, Jeff Siner/The Charlotte Observer

Charlotte. (afp) Die Stimmung ist bis aufs Äußerte gereizt in Charlotte. US-Polizisten in Kampfmontur haben sich in der Nacht auf Donnerstag vor wütenden Demonstranten in ein Hotel zurückgezogen. Sie halten die Menge mit Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschossen auf Abstand. "Ihr Leben ist in Gefahr, gehen Sie", schreit ein Polizist die Menschen an. Dann fällt plötzlich ein Schuss, ein Mann liegt schwer verletzt auf dem Boden. Der Protest gegen US-Polizeigewalt ist in der Stadt in North Carolina einmal mehr selbst in blutiger Gewalt eskaliert.

Die Demonstrationen hatten am Mittwochabend zunächst ruhig begonnen, obwohl viele Menschen wütend sind. Wütend über den Tod des Afroamerikaners Keith Lamont Scott, der am Dienstag als Unbeteiligter in die Verfolgung von Verdächtigen geriet und sterben musste, weil ein Beamter sich laut Polizei bedroht fühlte. Während die Polizei erklärt, Scott sei bewaffnet gewesen, sagen Angehörige, Scott habe wie immer auf seinen Sohn gewartet und ein Buch bei sich gehabt.

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Wütend sind die Menschen in Charlotte über die beinahe Alltäglichkeit, mit der Schwarze in den USA durch Polizeigewalt ums Leben kommen. Wütend auch darüber, dass die Polizisten in den meisten Fällen ungeschoren oder mit vorübergehenden Suspendierungen davonkommen und die Behörden mauern.



So wie im Falle Scott: Polizei-Bodycams und -Autokameras haben die entscheidende Szene aufgenommen, bevor der 43-Jährige niedergeschossen wurde. Vielleicht ließe sich die Frage schnell aufklären: Waffe oder Buch? Aber die Polizei will das Filmmaterial bisher nicht veröffentlichen. Nicht nur in Charlotte ist das Vertrauen in die Polizei dahin.

"Veröffentlicht die Videos" heißt es auf dem Schild eines Demonstranten. Zu einer Mahnwache für Scott kommen ganze Familien mit Kindern. Als der Demonstrationszug bald darauf am Polizeihauptquartier vorbeikommt, kippt die Stimmung. Ein Demonstrant holt die US-Flagge von einem Mast. Andere trommeln mit den Fäusten gegen die Tore der Wache und schreien: "Keine Gerechtigkeit, kein Frieden" - einen der Slogans der Bewegung, an deren Spitze landesweit die Gruppe Black Lives Matter steht. Aber auch "Nieder mit der Polizei" wird gerufen.

Zunächst bestimmen noch die Besonneneren das Bild: Männer, die mit erhobenen Händen rufen: "Wir heben die Hände, nicht schießen!" Oder eine Frau mit Tränen in den Augen, die einem Polizisten gegenübersteht und sagt: "Es reicht, es reicht. Wir haben Brüder, Söhne und Väter, die Gefahr laufen, von jetzt auf gleich getötet zu werden. Niemand sollte so leben müssen. Schwarze sind nicht alle Dealer, Drogenabhängige oder Gangster."

"Gewalt von Zivilisten
gegen Zivilisten"

Als die Demonstranten dann Polizei in Kampfmontur gegenüberstehen, eskaliert die Lage. Schaufenster gehen zu Bruch, Autos werden beschädigt, Polizisten müssen sich in die Hotellobby zurückziehen - vor der dann plötzlich der Schuss fällt. Nur zwei Meter neben einem Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP geht ein Mann getroffen zu Boden. Niemand weiß, woher der Schuss kommt. Alle rennen auseinander.

Plötzlich tut sich in all dem Chaos ein Raum gespenstischer Ruhe um das Opfer auf. Demonstranten und Polizisten kümmern sich gemeinsam um das Opfer. Erst heißt es, der Mann sei tot. Dann erklärt die Stadtverwaltung eilends, der Getroffene sei schwer verletzt und werde in einer Klinik künstlich beatmet, er lebe aber. "Er ist nicht verstorben", wird klargestellt.

Bei der Bekanntgabe des Vorfalls betont die Verwaltung zudem, dass die Schüsse nicht von der Polizei abgefeuert worden seien. Es habe sich vielmehr um "Gewalt von Zivilisten gegen Zivilisten" gehandelt. Was als Entwarnung und Aufklärung gedacht ist, klingt schon fast wie "civil war" - eine Art Bürgerkrieg. Der Gouverneur von North Carolina, Pat McCrory, hat jetzt jedenfalls den Notstand für die Stadt Charlotte ausgerufen. Zudem soll die Nationalgarde die Polizei an Ort und Stelle unterstützen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-22 17:29:11
Letzte ─nderung am 2016-09-22 18:06:24



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