• vom 06.10.2016, 10:00 Uhr

Weltchronik


Südindien

Für eine Handvoll Wasser




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Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

  • In Südindien streiten Bundesstaaten Wasser aus dem Kaveri-Fluss: Ein Vorgeschmack auf zukünftige Wasserkonflikte des Landes.

Die Millionenstadt Chennai kämpft mit schmutzigen Kanälen, Dürre und einer zu rasanten Verbauung ehemaliger Grüngebiete. - © Kretschmer

Die Millionenstadt Chennai kämpft mit schmutzigen Kanälen, Dürre und einer zu rasanten Verbauung ehemaliger Grüngebiete. © Kretschmer



Chennai. Zuerst waren es Fluten, dann lange Dürreperioden, immer jedoch diktierte die jeweilige Wassersituation das Schicksal des 40-jährigen Gopi. Der hagere Mann mit dem weißen Wickelrock lebte einst in einer Wellblechhütte am Strand von Chennai, der sechstgrößten Stadt Indiens. Das Essen für die Familie fischte er aus dem Meer, und wenn es Arbeit gab, verdingte er sich als Tagelöhner am Bau. Im Winter 2004 jedoch spülten die Wellen des Jahrhundert-Tsunamis seine komplette Nachbarschaft hinfort. Seitdem lebt er in Kannaga Nagar, dem größten Umsiedlungsprojekt der Region, mit seiner fünfköpfigen Familie auf kaum zehn Quadratmetern. Die meisten seiner Nachbarn wurden ebenfalls vom Meer vertrieben. "Erst im letzten November hat der Monsun unsere Wohnung erneut geflutet", sagt Gopi. "Die größte Bedrohung ging von den Moskitos aus."

Wasser ist für ihn Lebensgrundlage und Fluch zugleich. Gopis Schicksal ist typisch für eine Stadt, die in Feuchtgebieten errichtet wurde und die seit der rapiden Industrialisierung ständig zwischen Überflutung und Wassermangel oszilliert.

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Der umliegende Bundesstaat Tamil Nadu befindet sich seit Wochen in einem erbitterten Verteilungskampf mit seiner Nachbarregion Karnataka: In Bangalore, dem IT-Mekka und Hauptstadt Karnatakas, zündete ein wütender Mob tamilische Restaurants und Reisebusse an, im benachbarten Tamil Nadu setzte sich ein Demonstrant in Brand und erlag wenig später seinen Verletzungen. Drei Tote haben die grassierenden Aufstände bereits gefordert. Der Konflikt dreht sich um die Wasseransprüche des Kaveri-Flusses, der durch die beiden Bundesstaaten fließt. Für einen Großteil der Bewohner geht es um nicht weniger als ihre Existenz.

Der Verteilungskampf geht bereits auf die Zeit der britischen Kolonialherren zurück, doch auch nach der Unabhängigkeit Indiens brachten jahrzehntelange Verhandlungen keine Einigung. 1990 setzte die Zentralregierung in Neu-Delhi schließlich ein Wassertribunal ein, um den Konflikt zu lösen - auch das vergeblich. Als am 5. September der Oberste Gerichtshof dem Bundesstaat Karnataka anordnete, erhebliche Wassermengen des Flusses an Tamil Nadu weiterzuleiten, loderte der Konflikt erneut auf.

Vor allem der unter regelmäßigen Dürreperioden leidende Bundesstaat Karnataka fühlt sich von der derzeitigen Regelung benachteiligt. Nach sechs niederschlagsarmen Jahren in Folge führen die dortigen Staudämme nur mehr die Hälfte ihres Volumens, worunter vor allem die ländliche Bevölkerung leidet. Zwischen 2014 und 2015 stiegen die Suizide unter Karnatakas Bauern stärker als in jedem anderen Bundesland Indiens. Laut Regierungszahlen haben sich dort über 1300 Bauern das Leben genommen - viermal mehr als noch im Jahr zuvor.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-04 16:11:05
Letzte nderung am 2016-10-05 10:11:10



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