• vom 18.11.2016, 06:46 Uhr

Weltchronik

Update: 18.11.2016, 12:47 Uhr

Elfenbeinhandel

Der tödliche Wert des Elfenbeins




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Von Siobhán Geets

  • Wenn nicht bald etwas geschieht, könnte es bald keine Elefanten mehr geben, warnt Regisseur Richard Ladkani.





Wien. Es war die größte Menge an Elfenbein, die je sichergestellt wurde - nicht nur in Österreich, sondern in der gesamten Europäischen Union. In zwei kleinen Wohnungen in der Josefstadt, in Decken eingewickelt und hinter Kästen versteckt, fanden Zollfahnder diese Woche 90 Stoßzähne mit einem Gesamtgewicht von mehr als 560 Kilogramm. Die Ermittler vermuten, dass das Elfenbein nach Asien verschifft hätte werden sollen. China und Vietnam sind hier die größten Märkte.

In ihrem eben auf Netflix erschienenen Dokumentarfilm "The Ivory Game" spüren der österreichische Filmemacher Richard Ladkani und sein US-amerikanischer Kollege Kief Davidson dem mafiösen Geschäft nach. In Tansania begleiten sie Soldaten bei der Jagd auf Wilderer, in China und Vietnam legen sie sich mit Elfenbeinhändlern an.

"Wiener Zeitung": Ihr Film zeichnet ein düsteres Bild. Wann wird der letzte frei lebende Elefant sterben?

Information

Richard Ladkani, Jahrgang 1973, ist ein Regisseur und Filmemacher. Zahlreiche seiner rund 50 Dokumentarfilme haben Preise gewonnen, darunter "Vatikan - The Hidden World" über die Geheimnisse im kleinsten Staat der Welt und "The Devil’s Miner" über Kinder, die in Bolivien in Minen schuften. Mit "The Ivory Game" ist ihm ein investigativer Krimi rund um den weltweiten Elfenbeinschmuggel gelungen.

Mehr zum Thema finden Sie im Dossier Artenschutz.

Richard Ladkani: Hoffentlich ist es mit dem Töten nächstes Jahr vorbei. Mit unserem Film wollen wir eine Kehrtwende erreichen. Die aktuellen Hochrechnungen sind aber beängstigend. Demnach gibt es noch 352.000 Elefanten in Afrika. Die Todesrate liegt bei 35.000 pro Jahr. Da kann man sich leicht ausrechnen, wann die Elefanten ausgestorben sind. Das darf einfach nicht passieren.

Die Gewinnspanne beim Elfenbeinschmuggel ist enorm. Wie funktioniert dieses System?

Die Schmuggler sind auf allen Ebenen bestens organisiert. An vorderster Front stehen die Wilderer. Sie verkaufen das Kilo um bis zu zehn Dollar an einen Mittelsmann. Der erzielt in der Hauptstadt schon einen Kilopreis von 300 Dollar. Dort wird alles auf Containerschiffe verladen. Von Singapur, Hongkong, Bangkok, geht es dann entweder direkt nach China weiter oder durch Transitländer wie Vietnam. Für den Film drehten wir auch dort, an der chinesischen Grenze. In Vietnam lag der Preis für Rohelfenbein schon bei 1500 Dollar. Erreicht es China, geht der Preis auf 2300 Dollar hoch. Wird das Elfenbein dann geschnitzt oder poliert, beginnt der Kilopreis bei 3000 Dollar und geht hinauf bis 20.000, 30.000 Dollar. Wenn eine Kunstfigur daraus geschnitzt wird, kann ein 15 Kilogramm schwerer Stoßzahn schon mal 300.000 Dollar erreichen. Das ist wirklich phänomenal.

Sie haben viel mit versteckter Kamera gedreht. Wie gefährlich waren die Dreharbeiten?

Das war bei Weitem das Gefährlichste, was wir je gemacht haben. Wir hatten mit Wilderern zu tun, die nicht zögern, zuerst zu schießen. Ein Wilderer, der in Tansania verhaftet wird, wandert bis zu 40 Jahre ins Gefängnis. Solche Leute erschießen lieber diejenigen, die sie jagen, bevor sie geschnappt werden. Wenn wir mit der Tanzanian Taskforce unterwegs waren und mit Soldaten Dörfer stürmten, mussten wir kugelsichere Westen tragen. Aber es war auch nicht einfach, in Asien zu operieren. Wir waren undercover in Hongkong, Vietnam und China. Dort haben wir unter dem Radar gearbeitet, also ohne Genehmigung - und mussten uns einerseits vor den Dealern in Acht nehmen, andererseits vor der Regierung, die natürlich nicht wollte, dass da jemand mit versteckten Kameras agiert. Kommt es zur Festnahme, wird man schnell der Spionage angeklagt. Wir mussten sehr vorsichtig sein.

In Tansania sind Sie einem "Shetani" ("der Teufel") genannten Mann auf den Fersen. Er soll 10.000 Elefanten auf dem Gewissen haben und etliche Kartelle kontrollieren.



Im Film wird der Pablo Escobar der Elefantentöter gejagt. Als wir von ihm hörten, war das für uns Filmemacher ein gefundenes Fressen: Die Behörden jagen jemanden wie in einem Hollywood-Film, der noch dazu so einen bezeichnenden Namen hat. Das war eine sehr spannende Sache. Wir konnten nie wissen, ob sie ihn wirklich bekommen werden.

Dabei ist er wahrscheinlich nur einer von vielen...

Ja, aber die Tansanier sind zuversichtlich, dass sie zumindest die großen Fische fangen und die großen Handelsbewegungen in ihrem Land aufhalten können. Sie haben in den vergangenen drei Jahren 1700 Wilderer festgenommen und immer noch eine Liste von 1300 Personen, die sie schnappen wollen. Es sind riesige Netzwerke aktiv, aber die Tanzanian Taskforce ist extrem erfolgreich. Sie hofft, den Kampf zu gewinnen.

Das ist gut für Tansania. Aber ist das Problem damit gelöst?

Nein, die Wilderer weichen einfach aus, ins südliche Afrika, nach Botswana, Simbabwe, Sambia. Dort sind die Behörden noch unvorbereitet. Die Welle schwappte von Zentral- nach Ostafrika und nun nach Südafrika. Sambia wird gerade sehr stark getroffen.

Der illegale Handel mit Elfenbein kennt keine Grenzen. Kooperieren die betroffenen Staaten?

Die Länder arbeiten viel zu wenig oder gar nicht zusammen. Die kenianischen Behörden hatten zum Beispiel keine Ahnung, was die Taskforce in Tansania macht - und umgekehrt. Tansania nahm während unserer Dreharbeiten Kontakt zu Sambia auf und hatte zum ersten Mal mit dem Chef des Geheimdienstes für Wilderei zu tun. Dabei wäre zwischenstaatliche Kooperation extrem wichtig. Doch die Länder begegnen sich sehr misstrauisch und teilen ungern Geheimdienstinformationen. Vor allem, weil die Wilderer und Schmuggler oft Kriminelle sind, die in den Menschen-, Waffen- und Drogenhandel verwickelt sind. Es handelt sich also um extrem sensible Daten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-11-17 17:50:10
Letzte nderung am 2016-11-18 12:47:31



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