• vom 01.12.2016, 17:55 Uhr

Weltchronik

Update: 02.12.2016, 14:46 Uhr

Äthiopien

Von der Logik, eine Anführerin zu sein




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Von Konstanze Walther

  • Die blinde äthiopische Menschenrechtsaktivistin Yetnebersh Nigussie hat im katholischen Internat zu träumen begonnen.



Führungsrolle von Nonnen übernommen: Niegussi.

Führungsrolle von Nonnen übernommen: Niegussi.© Casagrande Führungsrolle von Nonnen übernommen: Niegussi.© Casagrande

Wien/Addis. Die 34-jährige Äthiopierin Yetnebersh Nigussie ist im Alter von fünf Jahren erblindet. Rückblickend betont sie die Folgen des Schicksalsschlags als Glück im Unglück: Aufgrund ihrer Erblindung kam sie in Kontakt mit einer katholischen Schule, die von Nonnen geleitet wurde. Dadurch erlebte sie Frauen als natürliche Führungsfiguren. Nigussie ging daraufhin unbeirrt ihren Weg: Sie studierte Rechtswissenschaften, wurde Anwältin und Menschenrechtsaktivistin und hat zahlreiche Auszeichnungen im Bereich der Menschenrechte erhalten. Nigussie ist derzeit als Beraterin der NGO Licht für die Welt in Wien.

"Wiener Zeitung": In Äthiopien erblinden viele Menschen an der bakteriellen Entzündung Trachom. War das bei Ihnen auch so?

Yetnebersh Nigussie: Es weiß niemand, woran ich erblindet bin. Auf einmal wurde ich krank, bekam hohes Fieber. Das nächste Krankenhaus war 600 Kilometer entfernt (entspricht der Strecke Wien-Bregenz, Anm.). Und es hat zum Teil nicht einmal Straßen bis dorthin gegeben, man hätte mich die ganze Strecke tragen müssen. Also behandelten sie mich im Ort mit "heiligem Wasser" - mein Vater kommt aus einer Familie von orthodoxen Priestern - und dem Rauch von brennenden Heilkräutern. Sie haben wohl gedacht, dass ich von Geistern oder dem bösen Auge besessen war. Im Spital war ich erst zwei Jahre später. Rückblickend heißt es, wahrscheinlich war es in meinem Fall Meningitis, wegen des hohen Fiebers.

Die mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft in Äthiopien mit über 40 Prozent sind orthodoxe Christen, Moslems machen rund 30 Prozent der Bevölkerung aus. Sie sind zum Katholizismus konvertiert.

Katholiken sind die Minderheit in Äthiopien, niemand aus meiner Familie gehörte dem Glauben an. Nachdem ich erblindet war, wurde ich nicht in eine normale Volksschule zugelassen. Meine Großmutter hat aber von der Nonnen-Schule erfahren, in die alle gehen durften. Dann wurde ich für meine Volksschulzeit in dieses Internat geschickt. Also hatte ich meine prägenden Jahre in einem sehr katholischen Umfeld.

Und danach?

Die Hauptschulzeit war schwierig, in der normalen Schule hatten sie keinerlei Ausrüstungen für uns. Als ich auf die Universität ging, war es besser. Die Uni in Addis hatte eine große Bücherei mit Braille-Büchern, die von den Amerikanern in den 1960er und 1970er Jahren aufgebaut worden war. Wir Blinden hatten daher kein Problem mit den "alten" Gesetzen. Unser Problem waren die neuen Gesetze, die nach dem Regierungswechsel in den 1990ern gekommen sind (als die Einheitspartei Ethiopian Peoples Revolutionary Democratic Front EPRDF die bisherige Regierung gestürzt hat, Anm.). Wir haben sehende Menschen gebraucht, die uns die neuen Gesetze vorgelesen haben, die wir selbst in Brailleschrift transkribierten.

Äthiopien gilt als stabiles Land am Horn von Afrika, der Regierung wird aber zunehmend autoritäres Verhalten vorgeworfen. Was sagen Sie als Juristin und Menschenrechtsaktivistin zu den gesetzlichen Veränderungen in Äthiopien?

Einerseits ist die Veränderung von Gesetzen, das Adaptieren, wichtig. Unsere Kodizes wurden in den 1960er Jahren verfasst. Und Gesetze müssen mit den modernen Veränderungen und Bedürfnissen im Einklang stehen. Das neue Familienrecht hat zum Beispiel wichtige Veränderungen mit sich gebracht - inklusive der Abschaffung des Schuldprinzips bei Scheidungen. Früher konnte man sich nur trennen, wenn ein Ehepartner tot war, Ehebruch begangen hatte oder an Lepra erkrankt war. Das ist nicht mehr modern. Frauen haben nun die Wahl. Aber diese neuen Gesetze werden nicht nur von angenehmen Dingen begleitet. Es gibt ein paar neue Gesetze, die in manchen Unbehagen auslösen. Etwa die Gesetze, die NGOs verbieten, die sich für Behindertenrechte, Frauenrechte oder Kinderrechte einsetzen, wenn sie Spendengelder aus dem Ausland bekommen. Aber ich arbeite in Addis und möchte mich auf die positiven Aspekte konzentrieren und im Rahmen unserer Möglichkeiten für Verbesserungen kämpfen.

Sie haben in einem Interview gesagt, dass für Sie Führungspositionen immer weiblich waren, weil Sie nie etwas anderes gekannt haben.

Das ist wahr. Man kann nichts sein, was man nicht "sehen" kann. Normalerweise hat man Vorbilder, auch wenn man sie nicht Vorbilder nennt. Man will so sein wie die große Schwester. Oder wie die Menschen, die man im Fernsehen sieht. Man will sich wie Prinzessinnen anziehen, weil Anna und Elsa von Disneys Film "Die Eiskönigin" solche Kleider anhaben. Das erzählen mir zumindest meine Kinder. Und für mich war es vollkommen logisch, davon zu träumen, eine Anführerin zu sein, weil alles, was ich von dem Alter von acht bis elf erlebt habe, war weibliche Führerschaft. Auch wenn wir männliche Lehrer hatten, die waren trotzdem unter der Aufsicht der Nonnen. Also habe ich mir gedacht, dass männliche Anführer die Ausnahme sind. Ich hatte in dieser Hinsicht wirklich Glück. Denn in der Welt außerhalb der Nonnenschule ist Äthiopien natürlich eine absolut männlich dominierte Gesellschaft. Aber zu dem Zeitpunkt, als ich die wirkliche Welt erlebte, war es schon um mich geschehen. Man sagt, dass Kinder die besten Bücher sind: Was man hineinschreibt, bleibt für immer dort.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-01 17:59:05
Letzte nderung am 2016-12-02 14:46:45



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