• vom 13.12.2016, 17:31 Uhr

Weltchronik

Update: 13.12.2016, 17:38 Uhr

Aleppo

Marsch nach Aleppo




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Von WZ-Korrespondentin Agnieszka Hreczuk

  • Aus Solidarität mit Flüchtlingen will eine Polin zu Fuß nach Aleppo. 1500 sagen, dass sie mitgehen - wenigstens einen Teil der Strecke.

Berlin. (n-ost) An einem Novembertag bekam Anna Alboth eine Facebook-Nachricht nach der anderen, alle aus Syrien: Zerbombte Häuser, Verletzte, Tote. Als Alboth die Bilder mit Säuglingen sah, die in einem vom Bombenhagel bedrohten Krankenhaus aus ihren Brutkästen geholt wurden, brach etwas in ihr zusammen. "Ich ertrage es nicht mehr, nur zuschauen", schrieb sie spontan auf ihrem Blog. "Was wäre, wenn wir Europäer nach Syrien gingen? Würden wir auch niemanden interessieren? Können wir das ändern?", fragte sie. Und dann noch: "Wer würde mit mir nach Aleppo gehen?"

Anna Alboth ist nicht er Typ, der vor dem Fernseher weint. Die aus Warschau stammende Wahlberlinerin ist mit ihrem Mann und den beiden kleinen Töchtern rund um die Welt gereist. Ihre Reisen dokumentiert sie auf ihrem Blog. Vor einem Jahr nahm die junge Familie zwei Flüchtlinge auf. Alboth organisierte eine Sammelaktion in ihrem Heimatland Polen, bei der Menschen Schlafsäcke für Flüchtlinge in Berlin spendeten. Mehr als 3000 Polen und Polinnen schlossen sich der Aktion an - ein unerwarteter Erfolg, denn die polnische Regierung weigert sich bis heute hartnäckig, Flüchtlinge ins Land zu lassen. "Ohne diese Erfahrung wäre ich wohl jetzt nicht so sicher, dass wir es schaffen", sagt die 32-Jährige.

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Wer kommt mit?
Auf ihre Frage, ob jemand mit ihr nach Aleppo gehen würde, bekam Anna Alboth innerhalb weniger Stunden dutzende positive Antworten aus ganz Europa. Auch einige Prominente wollen die Aktion unterstützen. Ein Priester in der Danziger Johannes-Kirche lobte die junge Polin und ihre Mitstreiter in seiner Predigt, ein bekannter Sänger will ein Lied schreiben, ein preisgekrönter amerikanischen Fotograf sogar mitgehen.

Der Pole Jan Horzela wollte sich gerade mit einem eigenen Unternehmen selbständig machen, alle Unterlagen waren bereits eingereicht, nur einen Weiterbildungskurs musste er noch belegen. Den Kurs sagte er ab und wurde zum Mitorganisator. "Es gibt Sachen, die haben Priorität", sagt er. Am zweiten Weihnachtstag startet der "Zug nach Aleppo" am ehemaligen Flughafen Tempelhof in Berlin. Ein symbolisches Datum, ein symbolischer Ort: In Tempelhof sind etwa 3000 Flüchtlinge untergebracht, es ist das größte Lager in Deutschland. In den ruhigen Tagen zwischen den Jahren haben mehr Menschen Zeit, wenigstens ein Stück der 3400 Kilometer mitzugehen.

Rund 3000 Menschen wollen beim Auftakt dabei sein, 1500 wollen mitgehen, zumindest eine Strecke. Jan Horzela ist realistisch: Nicht alle werden kommen. "Aber wenn nur jeder Vierte Wort hält, dann sind wir eine ganz große Gruppe", sagt er.

Mitte März wollen sie in Aleppo sein. Die Details der Strecke sind momentan allerdings nur bis Wien geplant. Dass ihre unglaubliche Idee so viele überzeugt hat, freut Anna Alboth. "Aus Deutschland kommen die meisten skeptischen Fragen - warum ausgerechnet jetzt, warum ausgerechnet Syrien, wenn es woanders auch Kriege gibt?"

200 Polen wollen mitmachen
Erstaunlich viele Befürworter haben sich im flüchtlingsfeindlichen Polen vernetzt - sowohl bei der Organisation, als auch unter den angemeldeten Teilnehmern. 200 Polen wollen mitmachen. Jan, Thomas, Maciek, Asia und Anna gehören zur "Logistikgruppe." Sie zeichnen die Routen, überprüfen die Infrastruktur, beantragen Genehmigungen. Der Marsch ist eine organisatorische Herausforderung. Wie eine Wallfahrt etwa, sagt die Polin Ewa, die vor über 30 Jahren selbst aus dem kommunistischen Polen nach Deutschland flüchtete. "Nur dass es bei Wallfahrten schon Erfahrungen gibt und dass sie kürzer sind."

Wie weit wird die Gruppe kommen? Der Marsch führt über die Balkanroute, die im Sommer 2015 Tausende Flüchtlinge zurücklegten - nur eben in der Gegenrichtung: von Berlin über Tschechien, Österreich, Slowenien, Kroatien, Serbien. Durch Mazedonien geht es weiter nach Griechenland. Ungarn wollen die Aktivisten wegen seiner restriktiven Flüchtlingspolitik bewusst auslassen. "Nicht, dass unser Marsch zu früh endet", sagt Anna Alboth.

Die Organisatorin ist sich bewusst: Ihr Leben hängt nicht wie das der Flüchtlinge von dem Marsch ab. Und alle werden, anders als sie, warm gekleidet sein und gute Schuhe tragen. Wie und wo genau die Gruppe die Grenze zu Syrien überschreiten will, das bleibt vorerst offen.




Schlagwörter

Aleppo, Anna Alboth, Marsch, Polen, Berlin

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-13 17:35:04
Letzte ńnderung am 2016-12-13 17:38:07



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