• vom 11.02.2017, 09:00 Uhr

Weltchronik

Update: 11.02.2017, 17:29 Uhr

Resonanz

Die Welt im stahlharten Gehäuse




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Von Konstanze Walther

  • Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa fordert in seinem neuen Buch "Resonanz" eine Abkehr aus der Steigerungsspirale der Wirtschaft.







"Wiener Zeitung": Herr Professor Rosa, Sie sind ein Zeitsoziologe. In Ihrer Arbeit kritisieren Sie, dass unser Weltsystem von einer "dynamischen Stabilisierung" dominiert wird. Aber ist gesellschaftliche Entwicklung nicht wie der Haifisch, der sich ständig bewegen muss?

Hartmut Rosa: Es ist anders, als der Haifisch, der sich ein bisschen bewegen muss. "Dynamische Stabilisierung" heißt Veränderung durch Steigerung. Wir müssen uns nicht nur einfach bewegen, sondern wachsen und steigern.

Information

Hartmut Rosa (*1965), ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an
der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des
Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Sein 2016 erschienenes Buch "Resonanzen -
Eine Soziologie der Weltbeziehung" war auf den Sachbuch-Bestenlisten von
"Süddeutscher Zeitung" und NDR. Rosa ist auch Autor des Buches
"Beschleunigung und Entfremdung".

Er war Gast bei dem Kongress "Gutes Leben für Alle" an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Seit wann leidet die Menschheit unter diesem Steigerungszwang?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Einerseits, weil solche Steigerungslogiken, die zu einem exponenziellen Wachstum führen, auch unabhängig vom Menschen existieren. Bei der Entwicklung der Arten existieren etwa Wachstumskurven. Da passiert lange nichts - dann kommen Einzeller und das Leben explodiert. Ähnliche Dynamiken kann man in der Zivilisationsgeschichte feststellen, je nachdem, welche Entdeckungen gemacht werden.

Also liegt Steigerungsdrang in der Natur - nicht nur der des Menschen, sondern ist allumfassend?

Ich glaube, dass die Menschheit in den vergangenen dreihundert Jahren eine tief greifende Veränderung durchgemacht hat, inwieweit wir Gesellschaften organisieren. Denn selbst die Hochkulturen der Inkas, der Mayas, der Babylonier, der Griechen haben letztlich auf Erhaltung der Kultur, der Gesellschaft, gezielt. In der Ökonomie nennt man das bedarfsdeckendes Wirtschaften - was gebraucht wird, um über den Winter zu kommen. Und nicht nur, um physisch zu überleben, sondern auch, um ein Haus zu haben, einen Tempel zu bauen. Natürlich gab es auch in der Vergangenheit immer wieder - oft zufällige - Entdeckungen, die einen Entwicklungsschub brachten. Aber in der Moderne ist es so, dass wir systematisch darauf angewiesen sind. Ich würde sogar sagen, das ist das Kennzeichen der modernen Gesellschaft. Wir brauchen die Erneuerung, die Steigerung, um so bleiben zu können, wie wir sind. Das beginnt flächendeckend im 18. Jahrhundert.

Wie zum Beispiel?

Man sieht es in der Organisation des Wissens. Wissenschaft ist darauf angewiesen, permanent die Grenzen des Wissens auszudehnen. Kapitalistische Ökonomie ist darauf angewiesen, die Grenzen des Produzierten auszudehnen, mehr zu produzieren, mehr zu konsumieren, mehr zu distribuieren, die Kapitalentwertung in Gang zu halten. Man kann jedoch sagen, dass das nicht immer so war. Doch seit dem 18. Jahrhundert findet diese Umstellung statt: Die Erhaltung der Lebenssituation ist nur noch durch weitere Steigerung möglich. Oft werde ich gefragt, ob sich das nicht daraus erklären lässt, dass Menschen neugierig sind. Nein. Denn das ist etwas anders. Es stimmt schon, Kinder sind zum Beispiel neugierig. Aber wenn sie etwas an ihrer Umwelt reizt, ist ihr Kontakt zum Gegenüber nicht einer, der auf Beherrschen und Verfügen ausgerichtet ist, sondern auf Reaktion. Kinder stupsen mal was an, eine Katze, einen Hund, um zu sehen, wie das Tier reagiert. Kinder spielen mit einem Ball oder einem Musikinstrument: Hören und antworten, um es wirksam zu erfahren.

Davon haben sich die modernen Erwachsenen entfernt?

Wir sind nicht in diesem Hören-und-Antwort-Modus, sondern im Verdinglichen und Unter-Kontrolle-Bringen. Erreichbarmachen und Auseinandernehmen. Das ist eine typisch moderne Welthaltung. Die bildet sich mit der Aufklärung heraus, aber es gibt Vorläufer, zum Beispiel die Reformation. Das zeichnete sich schon im 15. und 16. Jahrhundert ab. Seit dem 18. Jahrhundert wird es zu einem System.

Mit anderen Worten: Die Inka haben sich gedacht, man könnte einen Tempel bauen, er darf größer werden, aber seit dem 18. Jahrhundert ist es ein Muss. Er muss gebaut werden, er muss größer sein.

Ja. Nehmen Sie zum Beispiel das iPhone. Die nächste Generation muss ein bisschen mehr können. Wenn Apple das nicht produziert, geht der ganze Betrieb ein. Das ist nichts, was wir in der Art bei anderen Kulturen beobachten konnten.

Es wird ja nicht nur mehr, sondern es wird immer schneller.

Beschleunigung heißt: Etwas nimmt zu. Ich nehme das als Mengensteigerung pro Zeiteinheit. Man sieht Beschleunigung beim Auto. Zuerst fahre ich mit zehn Stundenkilometern, dann mit zwanzig. Doppelte Strecke bei gleicher Zeiteinheit. Das habe ich auch in der Produktion. Zuerst habe ich zehn Autos im Monat, und dann kann ich 100 herstellen. Man kann Beschleunigung als Mengensteigerung pro Zeiteinheit verstehen. Deshalb korrelieren Wachstum und Beschleunigung intrinsisch miteinander. Wachstum und Beschleunigung werden durch Innovation befeuert. Zur Beschleunigung gehört ein Anstieg der Veränderungsraten. Ich nenne das "Innovationsverdichtung".

Bei der Beschleunigung wird es zum Teil schwierig, alles noch kognitiv verarbeiten zu können. Ich denke da an Twitter. Das bringt einen in ein ständiges Nachhecheln der Informationen, die in einem nicht abebbenden Fluss generiert werden.

Zum Teil war die Welt wahrscheinlich immer komplexer, als wir sie kognitiv verarbeiten konnten. Aber Sie sprechen etwas an, was ich zu den großen Paradoxien der Gegenwart zähle: Wir legen es mithilfe der Technologien, darauf an, die Welt verfügbar zu machen, also unsere Weltreichweite zu steigern, den Bereich dessen, was wir in Verfügungsgewalt bringen, auszudehnen. Die Idee dahinter ist: Zuerst einmal XY wissbar zu machen, dann kontrollierbar und dann planbar. Aber mit der gleichen Technologie, mit der wir die Welt verfügbar machen, wie etwa ein Smartphone, wird die Welt gleichzeitig unverfügbar, verschließt sich also. Was Sie beschreiben, ist meiner Ansicht nach das Ergebnis des jüngsten Beschleunigungsprozesses. Solche Dynamiken kommen immer wellenförmig. Es geht nicht immer im gleichen Tempo gleichmäßig voran.

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-10 17:53:07
Letzte nderung am 2017-02-11 17:29:14



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