• vom 13.02.2017, 20:14 Uhr

Weltchronik

Update: 13.02.2017, 22:40 Uhr

Syrien

"Leuten wie uns schlagen sie den Kopf ab"




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Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Der Archäologe Maamoun Abdulkarim über das vom IS zerstörte Kulturerbe Syriens.



Vom Baal-Tempel in Palmyra steht seit 2015 nur noch das Eingangstor, andere Kulturdenkmäler nimmt der IS gerade ins Visier.

Vom Baal-Tempel in Palmyra steht seit 2015 nur noch das Eingangstor, andere Kulturdenkmäler nimmt der IS gerade ins Visier.© afp/Eid Vom Baal-Tempel in Palmyra steht seit 2015 nur noch das Eingangstor, andere Kulturdenkmäler nimmt der IS gerade ins Visier.© afp/Eid

Damaskus. Teils jahrtausendalte Kulturdenkmäler in Syrien wurden durch Krieg und mutwillige Zerstörung des Islamischen Staates (IS) beschädigt oder vernichtet. Und die Terrormiliz setzt ihren Vernichtung fort, wie Luftaufnahmen von der antiken Oasenstadt Palmyra belegen sollen, die die russische Armee am Montag veröffentlichte. Die Bilder stammen von Anfang Februar - zwei Monate nach der Wiedereroberung der zum Weltkulturerbe zählenden Stadt durch den IS. Zu sehen ist, wie zuvor intakte Teile des Tetrapylons und des Amphitheaters in Trümmern liegen. Maamoun Abdulkarim, Generaldirektor für Antiken und Museen in Damaskus, setzt sich seit Jahren für die Rettung des Kulturerbes ein. Im Skype-Interview schildert er die Lage.

"Wiener Zeitung": Raub und Verkauf von antiken Artefakten gehören laut Unesco zu den Haupteinnahmequellen des IS. Wie schätzen Sie das Geschäft mit geraubten antiken Stücken in Syrien ein?

Maamoun Abdulkarim: Es steht fest, dass der IS Leute ermutigt, archäologische Stätten zu plündern. Den Verkauf der Objekte besteuert er mit 20 bis 30 Prozent. Das wissen wir. Einen Teil der Raubgrabungen wird der IS auch selbst durchführen. Aber auch andere Gruppen sind beteiligt. Wie viele Millionen der IS konkret mit antiken Stücken macht, wissen wir nicht. Wir können uns aber ein Bild vom Ausmaß des Schmuggels machen, wenn wir uns ansehen, was in den Nachbarländern Syriens aufgetaucht ist. Wir wissen, dass die türkischen Behörden mehr als 15.000 Objekte aus Syrien beschlagnahmt haben. Die Grenzen zur Türkei waren seit dem Beginn der Krise offen; das hat die illegale Ausfuhr von Antiken erleichtert. Auch im Libanon und in Jordanien konnten Artefakte sichergestellt werden, darunter Statuen. Es gibt Objekte in Israel und Europa. Der Großteil dieser Stücke stammt aus illegalen Grabungen und war daher nicht inventarisiert. Wir wissen also von den Plünderungen. Wir wissen vom Schmuggel, können annehmen, dass weit mehr als die aufgegriffenen Objekte über die Grenze gebracht wurden. Aber wir haben keine klaren Vorstellungen, was mit den Kulturgütern geschah. Am internationalen Schwarzmarkt tauchten sie bisher nicht in größeren Mengen auf. Vielleicht sind viele gestohlene Artefakte immer noch in Syrien und werden erst nach dem Ende des Krieges am Markt angeboten.

Viele Objekte, die im Handel auftauchen, sollen gefälscht sein...

Oft finden sich auf den Grabungen nur kleine Keramiken, Fragmente, nicht besonders schön, nicht das, was die Käufer wollen. Also geht man her und versucht, schöne Stücke zu fälschen: Mosaiken, Statuen, Münzen, Manuskripte. Das geschieht in Syrien. Ich selbst habe von der Polizei beschlagnahmte Stücke begutachtet und diese Fälschungen gesehen. Ich bin sicher, dass tausende Fälschungen am europäischen Markt gelandet sind. Ich würde sagen, zwei von drei Objekten sind gefälscht.

Ende 2016 nahmen Regierungstruppen Aleppo ein. Nach dem Ende der Kampfhandlungen konnte sich Ihr Team ein Bild von der Zerstörung in der Stadt machen. Wie ist die Situation in Aleppo?

Es ist ein Desaster. Ich kann Ihnen noch keine exakten Zahlen nennen, aber für die Altstadt lässt sich sagen, dass rund 40 Prozent in gutem Zustand sind. 30 Prozent der Bausubstanz sind völlig zerstört. Weitere 30 Prozent sind beschädigt, können aber restauriert werden. Es ist eine Herausforderung, das wieder aufzubauen. Denn die Situation ist eine andere als etwa in Palmyra, wo die Gebäude aus Stein sind. Die können, ohne weiteren Schaden zu nehmen, ein paar Jahre liegen bleiben, bevor der Wiederaufbau beginnt. Aber in Aleppo wurde viel mit traditionellen Materialien gebaut, mit Holz und Lehm. Wenn die Ruinen noch zwei oder drei Winter Regen und Schnee ausgesetzt sind, ist alles zerstört. Gemeinsam mit der Aga-Khan-Stiftung, der Unesco und anderen Institutionen werden wir uns von Fall zu Fall überlegen müssen, ob und auf welche Weise eine Restauration stattfinden kann.

Die Zitadelle wurde bis zuletzt von einer Einheit der syrischen Armee gehalten, stand also in den vergangenen Jahren ständig unter Beschuss. Wie groß sind die Schäden an dem Bauwerk?

Verglichen mit dem umliegenden Stadtteil ist die Zitadelle in einem guten Zustand. Natürlich gibt es Beschädigungen, Teile der Außenmauer sind eingestürzt, aber es könnte schlimmer sein. Die Reste des Tempels aus hethitischer Zeit, der auf der Zitadelle ausgegraben wurde, hat die Kämpfe ebenso überstanden.

Wie steht es um die anderen Teile der historischen Altstadt?

Die Chusrawiyya-Moschee aus dem 16. Jahrhundert (die älteste Moschee aus osmanischer Zeit in Aleppo, Anm.) wurde völlig zerstört. Die Umayyaden-Moschee ist beschädigt. Bereits 2012 ist das Minarett zusammengebrochen. Aber wir haben die Situation im Griff. Das wirkliche Problem ist der Suq, der alte Basar. Über 60 Prozent sind zerstört: verbrannt oder in die Luft gesprengt. Es ist eine Katastrophe.

Welche konkreten Schritte sind für den Wiederaufbau der historischen Altstadt geplant?

Ein Expertenteam wird zunächst das genaue Ausmaß der Zerstörung feststellen. Gemeinsam mit Vertretern der Unesco werden wir dann überlegen, wie die Sanierung der Gebäude aussehen kann. Die Stadtverwaltung hat Anweisungen, die alten Steine nicht ohne Anwesenheit von Experten wegzuschaffen. Alle Steine müssen in situ belassen werden. Das ist wichtig, denn wir wollen beim Wiederaufbau möglichst originales Baumaterial verwenden. Von der Umayyaden-Moschee existieren noch viele Originalsteine. Mit ihnen soll das eingestürzte Minarett wieder aufgebaut werden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-13 17:54:08
Letzte Änderung am 2017-02-13 22:40:26



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