• vom 13.02.2017, 18:21 Uhr

Weltchronik


USA

Wettlauf gegen die Zeit




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • In Kalifornien bemühen sich die Einsatzkräfte fieberhaft, eine zerbröckelnde Stauanlage zu reparieren. Wegen einer drohenden Überflutung wurden bereits 200.000 Menschen in Sicherheit gebracht.

Der vor 50 Jahren errichtete Notabflusskanal kam zum ersten Mal zum Einsatz - und hielt den Wassermassen nicht stand.

Der vor 50 Jahren errichtete Notabflusskanal kam zum ersten Mal zum Einsatz - und hielt den Wassermassen nicht stand.© reuters Der vor 50 Jahren errichtete Notabflusskanal kam zum ersten Mal zum Einsatz - und hielt den Wassermassen nicht stand.© reuters

Sacramento. (rs) Für Javier Santiago, der mit seiner Familie und ein paar Freunden zum Besucher-Zentrum des Oroville-Staudamms gekommen war, ist die Sache klar. "Wir bleiben heute Nacht da und schlafen im Auto", sagt der 42-Jährige, der ein paar Decken und etwas Essen mitgebracht hat.

So wie Santiago haben sich viele andere aus der kalifornischen Kleinstadt Oroville entschieden, zunächst einmal hier auf dem kleinen Parkplatz zu bleiben, denn im Gegensatz zu weiten Teilen des Stadtgebiets liegt das Besucherzentrum oberhalb des Stausees und damit außerhalb der Gefahrenzone. Dramatisch zugespitzt hat sich die Lage im 16.000 Einwohner zählenden Oroville, als der 235 Meter hohe und 2300 Meter lange Staudamm nach den tagelangen Regenfällen an seine Belastungsgrenze zu stoßen drohte. Um Druck von der größten Talsperre der USA zu nehmen, wurde ein Notfallabflusskanal geöffnet, der allerdings selbst bald zum Problem werden sollte. Der Kanal weise starke Erosionsschäden auf, warnte die kalifornische Wasserbehörde DWR am Sonntagabend. Bei einem wohl bald bevorstehenden Bruch müsse mit einer unkontrollierbaren Überschwemmung gerechnet werden.



Angesichts der Warnung vor einer bis zu neun Meter hohen Flutwelle, entschied sich die Polizei daraufhin, das unterhalb des Staudamms liegende Gebiet zu evakuieren. Knapp 200.000 Menschen wurden aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen - mit dem Hinweis, dies sei keine Übung. Nur wenig später verhängte Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown schließlich den Notstand für die Bezirke Butte, Sutter und Yuba. Brown sprach von einer "sehr ernsten Situation". Die Lage sei komplex und verändere sich sehr schnell.

Werbung

Um eine Katastrophe zu verhindern, ordnete die kalifornische Wasserbehörde an, das Volumen, das über den kaputten Kanal abfließt, kontinuierlich zu reduzieren. Damit wurde der Wasserstrom nach und nach wieder auf den Hauptabfluss umgeleitet - der allerdings erst in der vergangenen Woche wegen eines Loches geschlossen worden war.

Am Montagvormittag bemühten sich die Einsatzkräfte fieberhaft den Notabflusskanal, der zum ersten Mal seit seiner Errichtung vor knapp 50 Jahren in Betrieb genommen worden war, zu reparieren. Mit Hilfe von Hubschraubern sollten große, mit Steinen gefüllten, Säcke abgeworfen werden, um die Risse in der Betonverschalung zu verschließen. Denn obwohl die Gefahr einer massiven Überflutung zunächst gebannt schien, wollten die Behörden noch keine Entwarnung geben. "Es bleiben viele Unbekannte", sagte der Sheriff von Butte County, Kory Honea. Überprüfen wollen die Behörden etwa die Belastbarkeit des ja ebenfalls beschädigten Hauptkanals. Und auch das Wetter könnte für eine neuerliche Zuspitzung sorgen, da in dieser Woche noch weitere Regenfälle erwartet werden.

Bröckelnde Infrastruktur
Experten wie Bob Bea sehen in dem zerbröckelnden Notabflusskanal aber nicht nur ein unmittelbares Problem. Denn für den emeritierten Professor für Bauingenieurswesen an der Universität von Berkely illustriert das Drama von Oroville auch überdeutlich den Zustand der kalifornischen Infrastruktur, die größtenteils vor mehr als 50 Jahre errichtet wurde und mittlerweile großflächige Alterserscheinungen zeigt. Staat und Bundesstaat müssten eigentlich dringend Geld in die Hand nehmen, um die maroden Straßen, Brücken und Dämme zu modernisieren, sagt Bea der Lokalzeitung "Mercury News". Stattdessen werde aber nur ein reaktiver Ansatz verfolgt und nur dann etwas gemacht, wenn das Problem schon riesengroß sei.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-13 18:26:08



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Die Lage im Nahen Osten ist hoffnungslos"
  2. "Sheriff Joe kann beruhigt sein"
  3. Uganda zeigt, wie Flüchtlingspolitik funktioniert
  4. Nachdenken über das Geld der Welt
  5. Kein Sieg, keine Niederlage
  6. Ex-CIA-Agentin will Twitter kaufen und Trump verbannen
  7. Entsetzen über Trumps Schweineblut-Tweet

Werbung




Nachruf

Vergnügen mit größtmöglichem Chaos

Bewahrte sich und seinem Publikum zeitlebens das innere Kind: Jerry Lewis. - © Globe Photos/Zuma/picturedesk "Das ist so lustig, Sie werden sich in die Hose pinkeln vor Lachen." Für einen Komiker ist das ein abgedroschenes Kompliment... weiter




Todesfall

Staatsanwalt ermittelt

Berüchtigt: Die Garde-Kaserne in Horn ist wegen der dortigen Ausbildungsmethoden bei Rekruten gefürchtet. - © apa/Herbert Pfarrhofer Wien. Im Falle des am Donnerstag vergangener Woche während eines Übungsmarschs nahe Horn in Niederösterreich verstorbenen Rekruten gibt es neue... weiter




Todesfall

Nostalgie im Kuchlradio

- © Reuters/Phil Mccarten (a.r.) Erst im Juni erschien sein letztes Album "Adiós". Es entstand ab 2012, als Glen Campbell gerade noch arbeitsfähig war... weiter




Bundesheer

Tödlicher Marsch

Todesfall bei der Garde in Horn. Das Bundesheer verspricht "keine Toleranz bei Fehlverhalten". - © apa Horn. Der Tod des 19-jährigen Rekruten in Horn dürfte die Folge eines erbarmungslosen Drills gewesen sein. Diesen Verdacht legen zumindest der... weiter






Werbung