• vom 15.02.2017, 18:00 Uhr

Weltchronik

Update: 15.02.2017, 18:09 Uhr

Indien

Generationen-Prozess




  • Artikel
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

  • Vor Indiens Gerichten wird noch über Grundstücke gestritten, wenn die Kläger bereits verstorben sind.

Akten im Bezirksgericht der Stadt Allahabad. Zu viele Papiere, zu wenig Beamte. Kaum eine Nation hat so überlastete Gerichte wie Indien.

Akten im Bezirksgericht der Stadt Allahabad. Zu viele Papiere, zu wenig Beamte. Kaum eine Nation hat so überlastete Gerichte wie Indien.© afp/Chandan Khanna Akten im Bezirksgericht der Stadt Allahabad. Zu viele Papiere, zu wenig Beamte. Kaum eine Nation hat so überlastete Gerichte wie Indien.© afp/Chandan Khanna

Neu Delhi. Die ausgebrannte Ruine des wuchtigen Upaahr-Kinos im Süden von Neu Delhi steht immer noch. Auf den Treppen, die einst ins Foyer führten, wuchert Gras, der Zement bröckelt. Die letzte Vorstellung war am 13. Juni 1997 - vor fast zwanzig Jahren. Seither ist das Kino auf Anordnung der Regierung zugesperrt, weil ein Gerichtsverfahren gegen die Besitzer wegen fahrlässiger Tötung anhängig ist. In der Nachmittagsvorstellung am 13. Juni brach im Gebäude ein Feuer aus, das sich blitzschnell verbreitete. 59 Menschen erstickten, mehr als 100 wurden schwer verletzt, weil Notausgänge zugesperrt oder mit Sitzen verbaut waren, Notbeleuchtungen nicht funktionierten und es keinen Feueralarm gab.

In der vergangenen Woche erging das endgültige Urteil gegen die Kinobesitzer, die Gebrüder Sushil Ansal und Gopal Ansal. Sushil, der mittlerweile 77 Jahre alt ist, bekam Haftverschonung wegen seines Alters, Gopal, der 69 ist, muss für ein Jahr hinter Gitter. Angesichts der milden Strafen war die Kritik harsch: Opferfamilien sprachen von einem "extrem enttäuschenden Urteil".

Werbung

Die Armen haben das Nachsehen
Ein Gericht hatte bereits 2007 die Ansal-Brüder wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Ansals zogen daraufhin vor das Oberste Gericht. Dieser entschied 2015, die beiden müssten eine Geldstrafe über vier Millionen Euro zahlen. Doch dies erschien Indiens "Central Bureau of Investigation", der höchsten Ermittlungsbehörde des Landes, zu milde. Sie erhob Einspruch gegen das Urteil, sodass der Rechtsstreit in eine neue Runde ging. Nicht alle Angeklagten haben den Prozess, der sich über 20 Jahre hinwegzog, überlebt. Einer der Angeklagten, ein Manager, der an dieses Tag im Kino Dienst tat und bei Ausbruch des Feuers floh, anstatt Hilfe zu holen, verstarb bereits 2008.

Prozesse, die sich über Jahrzehnte hinziehen, sind in Indien keine Seltenheit. In manchen Gerichtssälen werden noch Verfahren über Grundstücksstreitigkeiten verhandelt, die mehrere Generationen zuvor begonnen wurden. Menschen, die wegen Bagatellen angeklagt sind, verbringen unter Umständen Jahre in Untersuchungshaft, oft weit länger, als es die Maximalstrafe für das Vergehen vorsieht. Indiens Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt - 68 Prozent der Inhaftierten sind Untersuchungshäftlinge. Ob jemand gegen Kaution freikommt, hängt vor allem von der Qualität des Anwalts ab, der den Fall betreut. Nachsehen haben die Armen, die sich keinen Rechtsbeistand leisten können. Das Versagen der Gerichte leistet der Selbstjustiz Vorschub.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-02-15 18:06:05
Letzte ─nderung am 2017-02-15 18:09:44



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Millionen Tote wegen Umweltverschmutzung
  2. "Nächstes Nordkorea vor der Tür"
  3. Iran steht nach wie vor zum Atom-Deal
  4. Militärbündnis erklärt Rakka für befreit
  5. "Bis jetzt haben wir Glück gehabt"
  6. Täglich sterben 15.000 Kleinkinder
  7. Die großen Visionen von Präsident Xi

Werbung




Kinderliteratur

Mausbär ist traurig

Erwin Moser mit Tiger und Co. bei der Arbeit. - © Apa/Wetzelsdorfer Wien/Gols. Der vielfach ausgezeichnete Kinderbuchautor und Illustrator Erwin Moser ist am Mittwochabend im Alter von 63 Jahren in Wien gestorben... weiter




Todesfall

Iraks Ex-Präsident Talabani gestorben

20171003tala - © APAweb/AP, Christophe Ena Bagdad. Der ehemalige irakische Präsident Jalal Talabani ist nach Angaben des irakischen Staatsfernsehens tot. Er sei in einem Krankenhaus in... weiter




Hubert Feichtlbauer

"Ein ganz großer Mann"

Lieber Hubert Feichtlbauer, jetzt hast Du es also geschafft. Zuletzt konntest Du den Tod nicht mehr erwarten. Was Dir bei der Erstellung der bösen... weiter




Deutschland

Ehemaliger CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ist tot

München. Der ehemalige CDU-Generalsekretär Heiner Geißler ist tot. Er starb im Alter von 87 Jahren, wie die "Süddeutsche Zeitung" am Dienstag unter... weiter






Werbung


Werbung