• vom 18.05.2017, 17:04 Uhr

Weltchronik


Jemen

Cholera sucht den Jemen heim - 3000 Neuinfektionen täglich




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Von Michael Schmölzer

  • Ärzte ohne Grenzen warnen vor "nie da gewesener Katastrophe". Millionen auf Hilfe angewiesen.

Gestrandet: Drei Millionen Menschen sind im Jemen auf der Flucht.

Gestrandet: Drei Millionen Menschen sind im Jemen auf der Flucht.© reuters/Zeyad Gestrandet: Drei Millionen Menschen sind im Jemen auf der Flucht.© reuters/Zeyad

Wien. Die Wirtschaft ist zusammengebrochen, es gibt kaum Wasser, kaum Nahrung, kaum Treibstoff, kaum Medikamente - dafür drei Millionen Binnenflüchtlinge. Der Jemen an der Südspitze der Arabischen Halbinsel ist seit jeher verarmt, jetzt tobt ein gnadenloser Bürgerkrieg, das Land steht vor dem Kollaps.

Der Konflikt und die prekäre humanitäre Lage würden international nur wenig wahrgenommen, beklagte Margaretha Maleh, Präsidentin von "Ärzte ohne Grenzen Österreich", bei einer Pressekonferenz in Wien. Die meisten Gesundheitsreinrichtungen seien mittlerweile geschlossen, so Maleh, 16 Millionen Menschen stehen ohne Versorgung da. Zehntausende seien in dem Konflikt getötet worden,

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Rund 60.000 Verletzte hatten Glück, sie wurden durch Ärzte ohne Grenzen behandelt. Wobei die Helfer unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Zuletzt seien vier Krankenhäuser bombardiert worden, man habe sich aus dem Norden des Landes zurückziehen müssen, so Maleh. Menschen, denen man unter normalen Umständen leicht hätte helfen können, seien dann an Verletzungen und chronischen Erkrankungen gestorben.



Besonders dramatisch ist die Situation in der umkämpften Stadt Taiz, wo Zivilisten zwischen die Fronten geraten sind und aus der Luft und von Scharfschützen beschossen werden. "Es herrscht nur noch Angst", beschreibt Maleh die Lage, auch in Spitälern sei man nie vor Angriffen sicher.

Jetzt ist auch noch die Cholera ausgebrochen, Unicef spricht von mittlerweile 209 Toten und 17.200 Verdachtsfällen. Die Seuche breitet sich rasant aus. Täglich werden 3000 neue Fälle gemeldet - "eine nie da gewesene Katastrophe" bahne sich an, warnt Maleh. Die Epidemie ist ausgebrochen, weil die Menschen überall im Land verseuchtes Wasser trinken müssen.

"Symptom eines Politikversagens"
Im Jemen kämpft eine von Saudi-Arabien geführte Koalition an der Seite der Regierung gegen schiitische Houthi-Rebellen, die, von Norden kommend, einen Großteil des Ostens des Landes erobert haben. Alle Bemühungen, einen Waffenstillstand zu vereinbaren, sind gescheitert. Die Saudis, die Angst vor der Ausweitung des iranischen Einflusses an ihrer Südgrenze haben, fliegen Luftangriffe, bei denen es immer wieder zu Massakern an Zivilisten kommt. Erst am Mittwoch kamen mindestens 25 Menschen im Westen der Provinz Taiz ums Leben, als ein Fahrzeug getroffen wurde.

Dazu kommt, dass die Houthis in mindestens sechs Provinzen großflächig Antipersonenminen gelegt haben, hunderte Zivilisten wurden getötet oder verstümmelt. Inmitten dieses Chaos macht sich die Al Kaida breit, die weite Landstriche kontrolliert. Die Terrororganisation wird von den USA mit Drohnen und Fliegern, in einem Fall im Jänner auch mit Bodentruppen bekämpft.

Ärzte ohne Grenzen haben auch am Donnerstag die Kritik an ihrem Hilfseinsatz im Mittelmeer zurückgewiesen. Die Seenotrettung sei notwendig und nur ein "Symptom einer immer restriktiver werdenden EU-Politik, die die Menschen auf immer gefährlichere Routen treibt", so Mario Thaler, Geschäftsführer der Hilfsorganisation in Österreich. "Als humanitäre Organisation können wir es nicht zulassen, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken."

Zuletzt gab es massive Vorwürfe, im Mittelmeer tätige NGOs hätten Kontakte zu Schleppern. Das wies Thaler ebenso zurück wie den Vorwurf, die NGOs machten sich als "Transporteure" zu Handlangern der Kriminellen: Die Boote, mit den die Flüchtlinge transportiert werden, seien seit jeher wenig seetüchtig und mit wenig Treibstoff ausgestattet.




Schlagwörter

Jemen, NGO, Hilfe, Cholera, Bürgerkrieg

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Dokument erstellt am 2017-05-18 17:09:15



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