• vom 19.05.2017, 18:22 Uhr

Weltchronik

Update: 19.05.2017, 19:05 Uhr

China

Rad-Renaissance im Reich der Mitte




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Thomas Seifert aus Peking

  • In China ist das Fahrrad plötzlich wieder schick: Der Trend speist sich aus dem Erfolg der Leih-Programme.





Peking. Sie sind wieder da. Fahrräder, überall Fahrräder, so als schriebe man das Jahr 1969 in der chinesischen Hauptstadt. Gelbe Fahrräder, orange Fahrräder und Blaue von den Citybike-Anbietern Ofo, Bluegogo und Mobike - die populärsten Anbieter.

Die Velos haben die Herzen und Schenkel der Bewohner der 23-Millionen-Metropole im Sturm erobert, denn auf den ständig verstopften Straßen kommt man im Auto ohnehin kaum mehr voran und die Parklatzsuche ist der reine Horror. Die Leihräder auszuborgen ist denkbar einfach: Man registriert sich per App, zahlt auf digitalem Weg Pfand und entsperrt per Einscannen des auf der Rückseite angebrachten QR-Codes das Fahrrad. Bei einigen Anbietern ist die Fahrt kostenlos, bei anderen wird eine symbolische Summe von einem Yuan (13 Cent) eingehoben. Per App findet man auch das nächstgelegene Mietfahrrad, im Gegensatz zu Citybike-Systemen in Graz, Salzburg, Wien, Paris, London oder New York wird das Fahrrad nicht an einer Entlehnstation abgeholt und dort auch wieder zurückgegeben, sondern die Fahrräder werden einfach auf dem Gehsteig oder am Straßenrand abgestellt, wo sie vom nächsten Mieter wieder entlehnt werden.

Der Citybike-Krieg



Das ist zwar praktisch - aber auch ein Problem. Denn die Fahrräder verstellen oftmals die ohnehin viel zu schmalen Gehsteige in der Stadt und blockieren enge Gassen. Kaputte Fahrräder lehnen in Parks an den Bäumen oder werden achtlos am Straßenrand liegengelassen. Offenbar gehen einige der Nutzerinnen und Nutzer nicht allzu pfleglich mit den Rädern um, die Zahl der kaputten Velos ist augenfällig.

In Shenzhen gab es einen regelrechten Citybike-Krieg: Hunderte Fahrräder wurden in der 12-Millionen-Einwohnerstadt nördlich von Hong Kong wie Müll an verschiedenen Plätzen der Stadt aufgetürmt. Der Verdacht fiel auf wütende Motorrad-Taxi-Fahrer, die sich über das entgangene Geschäft ärgerten, private Wachleute, die Fahrräder, die die Einfahrten blockierten, einfach auf diese Weise auf die Seite schafften und Konkurrenten, die die Räder des Mitbewerbs so unsanft aus dem Verkehr zogen.

Durchschlagender Erfolg

Dennoch: Der Erfolg der Mieträder ist trotz dieser Probleme gigantisch. Alleine der Anbieter Mobike hat mehr als 100.000 seiner Räder in insgesamt 18 chinesischen Städten auf die Straßen gebracht, darunter in Peking, Shanghai, Shenzhen und Guangzhou. Mobike, das unter anderem von Davis Wang, dem früheren Chef von Uber Shanghai geführt wird, kann sich der Unterstützung des chinesischen Internet-Tycoons Ma Huateng (laut Forbes-Liste auf Platz 56 der reichsten Menschen der Welt, Vermögen: 16,1 Milliarden Dollar) sicher sein. Die gelben Ofo-Fahrräder prägen heute das Stadtbild in insgesamt 33 chinesischen Städten, - der Anfang der Firma geht ins Jahr 2015 zurück, als Ofo als Leihradprojekt an der Peking-Universität begonnen hatte. Heute gibt es - zumindest nach Firmenangaben - insgesamt 10 Millionen Ofo-Nutzer.

Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig: In Peking liegen zwischen den U-Bahn-Stationen oft ein bis zwei Kilometer, die Busse sind in den Stoßzeiten völlig überfüllt und Taxis oft nur schwer zu bekommen. Also nehmen die pekinger für ihren Weg zur Arbeit ein Leihrad von Zuhause bis zur U-Bahn-Station, fahren mit der Metro in die Nähe ihrer Arbeitsstätte und nehmen von dort dann wieder ein Leihrad. Ärgerlich ist freilich für viele Nutzer, dass es in den Spitzenzeiten kaum freie Fahrräder gibt. Manche asoziale Nutzer fertigen für sich selbst eine Kopie der Scancode-Tafel an, bevor sie diese zerstören und werden so zu den alleinigen Nutzern des Fahrrads. Auf diese Weise stellen sie sicher, dass ihr Fahrrad immer dort wartet, wo sie es abgestellt haben - sie verhindern damit aber freilich auch, dass andere Nutzer dieses Fahrrad ausborgen können. Jene, die seit Jahren die Fahrradwege - meist mit ihren Elektrorollern - benutzen, klagen, dass die unsicheren Fahrradnovizen ihre Anfahrtswege deutlich verlängern.

Werbung

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-05-19 18:27:10
Letzte ńnderung am 2017-05-19 19:05:05



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Wir sind bereits mitten im Kollaps"
  2. USA warnen Assad vor C-Waffen-Einsatz
  3. Giftgasangriffe in Syrien seit Jahren "rote Linien"
  4. Votum über Ersatz von Obamacare erneut vertagt
  5. Warten auf Vermittler
  6. Neuer Anlauf zur Überwindung der Teilung Zyperns
  7. Monsanto-Mittel Glyphosat kann Krebs verursachen

Werbung




Todesfall

Syrischer Ex-Verteidigungsminister Tlass gestorben

Paris. Der frühere syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlass, ein enger Vertrauter des ehemaligen Präsidenten Hafez al-Assad... weiter




Finanzbranche

Investmentbanker Michael Treichl ist tot

Michael Treichl war Investmentbanker in London. - © apa/Techt Wien. (kle) Tragischer Schicksalsschlag in der Bankiersfamilie Treichl: Michael Treichl, der vier Jahre ältere Bruder von Erste-Group-Chef Andreas... weiter




Todesfall

"Der einzig echte Batman"

20170611Obit Adam West - © APweb/AP, Elias Hollywood. "Boing!" "Ouch!" "Crush!" "Pow!" - mit in Comic-Manier eingeblendeten Sprechblasen wie diesen erlangte die "Batman"-Serie in den... weiter




Todesfall

Trauer um ein "Kind der Stadt"

Legendäre Nestroy-Darstellerin: Hilde Sochor. - © apa/Pfarrhofer Wien. "Ihr" Volkstheater richtete ihr zum 90er ein großes Fest aus: 2014 wurde Hilde Sochor, Doyenne des Hauses, auf der Bühne von Weggefährten und... weiter






Werbung