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Weltchronik

Update: 19.06.2017, 16:43 Uhr

Raubkunst

Alt, kostbar, illegal




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Von Markus Schauta

  • Seit Jahren werden Syrien und der Irak ihres kulturellen Erbes beraubt. Für die Forschung eine Katastrophe.

Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 hat die syrische Antikenbehörde zwar zahlreiche Kulturgüter nach Damaskus in Sicherheit bringen können. Doch gegen Schmuggel und illegale Ausgrabungen ist auch sie machtlos. - © Reuters

Seit Ausbruch des Krieges im Jahr 2011 hat die syrische Antikenbehörde zwar zahlreiche Kulturgüter nach Damaskus in Sicherheit bringen können. Doch gegen Schmuggel und illegale Ausgrabungen ist auch sie machtlos. © Reuters

Damaskus/Wien. Mit der US-Invasion im Jahr 2003 begann im Irak ein beispielloser Raubzug. 15.000 Objekte wurden alleine aus dem Nationalmuseum in Bagdad gestohlen. Lediglich 7000 konnten bis heute wiedergefunden werden, der Rest bleibt verschwunden. Auch in Syrien ist das kulturelle Erbe trotz der umfangreichen Handelsverbote, die es in Europa mittlerweile für Kulturgüter aus dem Vorderen Orient gibt, in Gefahr. Denn seit dem Ausbruch des Kriegs im Jahr 2011 konnte die syrische Antikenbehörde zwar die Sammlungen zahlreicher Museen nach Damaskus in Sicherheit bringen. Aber gegen Schmuggel und illegale Ausgrabungen im ganzen Land ist auch sie machtlos.

Inwieweit auch der "Islamische Staat" (IS) seine Kassen mit dem Verkauf geraubter Antiken füllt, ist umstritten. In westlichen Medien taucht immer wieder die Summe von 36 Millionen US-Dollar auf, die das selbst ernannte Kalifat bis Sommer 2014 durch den illegalen Verkauf von Antiken eingenommen haben soll.


Christoph Bacher ist Antikenhändler in Wien. Seine Galerie am Stubenring hat er vor zwei Jahren eröffnet. Der schmale Raum beherbergt eine Handvoll Vitrinen, die Objekte darin sind in weiches Licht getaucht: eine Statuette der löwenköpfigen Göttin Sechmet, attische Trinkbecher, ein keltischer Halsreif. Auf einem Podest ein römischer Marmorkopf.

Dass der Islamische Staat sich maßgeblich durch den Verkauf von Antiken finanziere, hält Bacher für "medial kursierenden Blödsinn". Denn verglichen mit anderen Kunstgattungen, wie etwa der zeitgenössischen Kunst, seien die Preise für Antiken sehr niedrig. Eine der letzten Antiken-Auktionen bei Sotheby’s habe einen Umsatz von etwa 3,5 Millionen US-Dollar erzielt. Aber diese Stücke seien herausragend gewesen. So etwas lasse sich nicht massenweise auf irgendwelchen Raubgrabungen finden.

Absichtlich verschleiert
Bacher hat auch Objekte aus dem Alten Orient im Angebot: akkadische Rollsiegel, eine Keilschrift-Tontafel, Statuetten aus Stein und Bronze. "Bei Objekten aus dem Irak ist natürlich besondere Sorgfalt geboten", sagt er. Er könne aber die Herkunft bei all diesen Objekten nachweisen. Demnach stammen die Artefakte aus Privatsammlungen und wurden von den ehemaligen Besitzern bereits vor Jahrzehnten angekauft.

Doch bei vielen Objekten, die weltweit in Auktionshäusern und Galerien angeboten werden, reduzieren sich die Angaben zur Herkunft auf "Bayrische Privatsammlung", oder "Alter Familienbesitz". Damit würde verschleiert werden, dass die Herkunft ungewiss ist oder bewusst nicht genannt werden soll, kritisieren Kulturgutfahnder und Archäologen. Sie fordern daher schon seit Jahren eine EU-weite Regelung, wonach nur Objekte mit eindeutiger Herkunftsangabe, einschließlich Fundort, Name des Vorbesitzers und Rechnung, im Handel verkauft werden dürfen.

Bacher hält dagegen: Eine lückenlose Dokumentation gebe es nur in seltenen Fällen. "Wenn Sie ihre Großeltern nach der Rechnung für den ersten Fernseher oder das erste Auto fragen, werden sie die nicht mehr haben." Ebenso verhalte es sich bei einem römischen Glas, das sie vielleicht einmal gekauft haben. "Die Rechnungen wurden nicht aufgehoben, weil niemand damit gerechnet hat, dass sie eine derartige Bedeutung entwickeln."

Selbst der Shop im Kairoer Museum, wo man bis ins Jahr 1979 original altägyptische Objekte kaufen konnte, habe keinen Wert auf eine angemessene Herkunftsangabe gelegt. Auf den ausgestellten Rechnungen seien lediglich die Bezeichnung des Objekts, die Größe und der bezahlte Preis vermerkt gewesen. "Keine Angaben zum Fundort, keine nähere Beschreibung des Objekts - es war den Leuten damals einfach nicht wichtig", sagt Bacher.

Viele Fälschungen im Umlauf
Aber auch aus rein geschäftlichen Gründen reduziere sich die Herkunftsangabe oft auf Zeilen wie "Wiener Privatsammlung". "Die Kunsthändler wollen die Quelle nicht nennen, weil ja sonst jeder dorthin gehen und selbst einkaufen könnte." Quellen werden im Regelfall erst genannt, wenn die Sammlung komplett aufgekauft wurde.

Andreas Schmidt-Colinet, Professor für Klassische Archäologie, sieht das etwas anders. Der gebürtige Deutsche hat viele Jahre lang das Palmyraprojekt in Syrien geleitet. Gegen den legalen Antikenhandel sei nichts einzuwenden, so der Archäologe in einem Kaffeehaus in der Nußdorfer Straße. Es könne ja durchaus sein, dass jemand von seinem Großvater eine antike Vase erbt, zu der es keinerlei Unterlagen gibt, und das Objekt dem Dorotheum zum Verkauf anbietet. Es sei allerdings auffällig, dass in den letzten Jahren Kunstgegenstände, Münzen bis große Reliefs, aus Syrien und dem Irak massenweise auftauchen. "Als würden im Moment alle alten Familien Omas Silber verkaufen."

"Eine Sauerei"
Kunstexperten gehen davon aus, dass es sich bei etwa einem Drittel dessen, was angeboten wird, um Fälschungen handle. 50 bis 60 Prozent seien gestohlen und illegal aus Syrien oder dem Irak exportiert worden. Der Rest sei sauber. Und weil der Prozentsatz an Waren, die man tatsächlich legal handeln dürfte, so gering sei, dürfe zurzeit kein seriöser Kunsthändler Objekte aus dem Vorderen Orient ankaufen, sagt Schmidt-Colinet. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um Raubgut handelt, sei einfach viel zu groß. "Selbst wenn der Verkäufer ein Papier vorlegt - das können Sie ja fälschen."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-06-19 12:47:06
Letzte Änderung am 2017-06-19 16:43:17



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