• vom 08.07.2017, 07:30 Uhr

Weltchronik

Update: 11.07.2017, 15:00 Uhr

Brasilien

Tragödie der verlorenen Kugeln




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Von WZ-Korrespondent Philipp Lichterbeck

  • Rio de Janeiro erlebt eine erschreckende Zunahme von Schießereien. Die Opfer sind oft Kinder.

Ein Kind in der Favela Mangueira hält Patronenhülsen in seiner Faust. - © ap/Izquierdo

Ein Kind in der Favela Mangueira hält Patronenhülsen in seiner Faust. © ap/Izquierdo

Rio de Janeiro. Rios Boulevardzeitung "Extra" machte mit einem ungewöhnlichen Bild auf. Die gesamte Titelseite zeigte das Foto einer Ultraschalluntersuchung mit den Umrissen eines Fötus. In großen Lettern stand darüber: "Das jüngste Opfer der Querschläger". Arthur, so der Name des ungeborenen Kindes, wurde im Uterus von einer Kugel getroffen. Die Mutter war auf dem Weg zum Supermarkt und im neunten Monat schwanger. Die Kugel, die bei einem Schusswechsel zwischen Kriminellen und der Polizei abgefeuert wurde (es ist noch unklar, von wem), traf die 29-Jährige in der Hüfte, streifte den Kopf des Fötus, zerriss sein Ohr, durchdrang die Lunge und verletzte zwei Wirbelknochen. Per Not-Kaiserschnitt entbanden die Ärzte das Kind und konnten sein Leben und das der Mutter retten. Ein Arzt sprach danach von einem "Wunder". Eventuell werde das Kind querschnittsgelähmt sein.

"Bisher versuchten wir, zu überleben. Jetzt kämpfen wir darum, geboren zu werden", fasste es die Zeitung "Extra" schmissig zusammen. Der Fall ist spektakulär. Doch er ist nur einer von unzähligen Gewaltakten, die Rio de Janeiro ein Jahr nach den Olympischen Spielen plagen. Jeden Tag kommt es an verschiedenen Orten der Stadt zu Schießereien zwischen der Polizei und Drogenhändlern oder anderen Kriminellen. Zwischen die Fronten geraten immer wieder Unbeteiligte. Darunter häufig Kinder. Allein in diesem Jahr wurden fünf Kinder, die noch keine 15 Jahre alt waren, während solcher Konfrontationen getötet, wie die NGO Rio de Paz gezählt hat. Das erste Opfer war ein zweijähriges Mädchen. Für kurzzeitigen Aufruhr sorgte im März der Tod einer 13-Jährigen, die auf dem Schulhof von drei Kugeln getötet wurde. Sie stammten, das ergaben Untersuchungen, aus Polizeiwaffen. Anfang dieser Woche hat es schließlich ein zehnjähriges Mädchen getroffen, das in ihrem Elternhaus in einer Favela eine Kugel in den Kopf bekam. Polizisten waren während eines Schusswechsels in das Heim der Familie eingedrungen.


Nur kurzzeitige Empörungen
Nach solchen Ereignissen gibt es in Rio meist virtuelle Aufschreie. Fotos und Videoaufnahmen der zusammengebrochenen Eltern zirkulieren oder von Verwandten, die Gerechtigkeit und ein Ende der Gewalt fordern. Drei Tage später ist alles vergessen. Die Politik zieht keine Konsequenzen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-07 18:06:05
Letzte nderung am 2017-07-11 15:00:05



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