
Tel Aviv. Shefa Abu Jabal lebt im Dorf Majdal Shams in den von Israel kontrollierten Golanhöhen, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. "Wir können die Gefechte hier täglich hören. Gestern hat mich meine Mutter angerufen und gesagt, es ist, als ob sie unser eigenes Haus angreifen", sagt Shefa. Vor zwei Wochen habe die israelische Armee im Golan eine Übung abgehalten. Zur selben Zeit hätten die Syrer auf der anderen Seite ein Dorf nahe der Grenze angegriffen. "Wir konnten es sehen. Es war so nahe", sagt sie.
Wie rund 19.000 andere Bewohner der Golanhöhen im Norden Israels gehört auch Shefa zur Religionsgemeinschaft der Drusen, eine gnostische Sekte des Islam, der auch rund 500.000 Menschen in Syrien angehören. Die Einwohner von Majdal Shams trennt erst seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 eine politische Grenze von Familie und Freunden auf der anderen Seite. Denn damals hat Israel die Golanhöhen im Krieg gegen Syrien eingenommen. Davor war das Dorf ein Teil von Syrien.
"Viele Drusen im Golan unterstützen weiterhin den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad", sagt Shefa. "Die Angst vor dem Wandel sitzt einfach zu tief. Die Drusen haben als kleine Minderheit Angst vor den Islamisten. Assad hat sie bislang gut behandelt und beschützt."

Doch Shefa Abu Jabal sagt, dass Assad fallen muss. Gemeinsam mit anderen Anti-Assad-Aktivisten hat sie letzten Freitag in Majdal Shams dafür demonstriert. Assad-Unterstützer aus dem Dorf haben sie dabei mit Eiern und Schuhen beworfen. Die Gesellschaft ist gespalten darüber, was aus Syrien werden soll.
Wahl zwischen zwei Übeln
Auch jenseits der Golanhöhen ist man sich in Israel nicht wirklich sicher, worauf man hoffen soll: auf den Fall von Assad und damit einen neuen, vielleicht unberechenbaren Nachbarn? Oder doch auf den Machterhalt des Regimes, auf Kosten von noch mehr Menschenleben? "Die Israelis haben sich an die stabile Grenze zu Syrien gewöhnt. Veränderung bedeutet für sie zurzeit vor allem Bedrohung", sagt Shefa.
Nur etwa drei Kilometer von Shefas Heimatort Majdal Shams entfernt stand letzten Donnerstag der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak - mit dem Hubschrauber aus Tel Aviv eingeflogen. "Was in Syrien passiert ist, wird den Fall von Assads Familie beschleunigen", sagte er zum Tod von führenden Mitgliedern des Regimes letzte Woche.
Soweit fällt es in Israel niemandem schwer, mit Schadenfreude auf den nahenden Fall der Assad-Dynastie zu blicken, war sie doch seit langem ein Erzfeind. Gemeinsam mit Ägypten und Jordanien stellte sich Syrien im Sechstagekrieg 1967 gegen Israel, und bald folgte mit dem Yom-Kippur-Krieg im Jahr 1973 die nächste Konfrontation. Als Israel 1982 in den Libanon einmarschierte, leistete Syrien heftigen Widerstand. Seitdem griff Israel mehrere Male Ziele in Syrien an, darunter auch angebliche Atomanlagen. Auch im 34 Tage langen Libanonkrieg gegen die Hizbollah im Jahr 2006 drohte Syrien einzugreifen. Es ist eine Geschichte tiefer Feindschaft. Dennoch hält sich die Vorfreude auf Assads Fall in Israel zurzeit in Grenzen. Einen Vorteil hatte Assad aus israelischer Sicht: Stabilität und Berechenbarkeit. Die Furcht vor dem, was nach ihm kommt, ist groß.
"Wie Israel mit den Entwicklungen in Syrien umgehen soll, das ist eine Wahl zwischen zwei Übeln", sagt Ephraim Yaari, Leiter des Programms für Konfliktlösung und Mediation an der Universität Tel Aviv. Aus israelischer Perspektive war Syrien zwar immer ein ernstzunehmender Feind, jedoch ein nicht allzu schwieriger. "Die Grenzen waren jahrelang ruhig. Wir wussten, womit wir es zu tun haben", sagt er. Dennoch habe das Regime von Bashar al-Assad Israel auch einige Probleme bereitet. Nicht zuletzt, weil Syrien die Hizbollah im Libanon unterstützt hat und als Verbündeter des Iran gilt. "Israel ist heute von feindlichen Ländern umzingelt, die entweder von Saudi-Arabien, oder vom Iran unterstützt werden. Es ist eine gefährliche Nachbarschaft", warnt Yaari.
Doch die größte Sorge Israels bleiben Syriens Massenvernichtungswaffen. Hunderte Tonnen an Nervengas und Senfgas dürften in Syrien lagern und könnten jederzeit für den Kriegszweck eingesetzt werden. Dabei halten es manche Beobachter durchaus für möglich, dass chemische Waffen in die Hände der Hizbollah oder an andere militante Gruppen geraten könnten. Der Sprecher des syrischen Außenministeriums sagte am Montag, dass Chemiewaffen zwar nicht gegen die eigene Bevölkerung, aber gegen eine "Aggression von außen" eingesetzt werden könnten.
Gefahr für Israel
"Noch nie zuvor gab es ein Land im Bürgerkrieg, das derart große Vorkommen an nicht-konventionellen Waffen besitzt", sagt Charles Blair, ein führender US-Experte für Massenvernichtungswaffen und deren Kontrolle im Verband Amerikanischer Wissenschafter. "Ich erwarte eine Überraschung nach der anderen. Wie man mit dieser Gefahr umgehen soll, weiß kaum jemand."
Für Blair ist es durchaus denkbar, dass manche dieser chemischen Waffen in die Hände von nicht-staatlichen Akteuren fallen. Für diesen Fall sei Israel bereit, einen Angriff auf Waffenarsenale in Syrien zu fliegen, berichtete die "New York Times". Auch der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu sagte am Sonntag dem amerikanische Fernsehsender Fox, dass ein Angriff nicht ausgeschlossen sei. "Wir wollen sicher nicht, dass chemische Waffen in die Hände der Hizbollah oder anderer Gruppen fallen", so Netanyahu.