
Alpbach/Damaskus/Istanbul. Die derzeitige humanitäre Lage in Syrien ist nach Einschätzung der EU-Krisenhilfekommissarin Kristalina Georgieva "dramatisch" und habe sich immer weiter verschlechtert: "Was wir heute in Syrien sehen, ist herzzerreißend." Von einer Bevölkerung von rund 23 Millionen Menschen bräuchten mittlerweile mehr als 2,5 Millionen humanitäre Unterstützung. Es gebe bereits 1,2 Millionen Binnenflüchtlinge, und die Zahl der Syrer, die in Nachbarländer flüchteten, sei rapide gestiegen, sagte Georgiewa in Alpbach.
Zivilisten sind laut Georgiewa regelmäßig Beschuss ausgesetzt. "Heckenschützen töten nicht nur Kämpfer, sondern auch Zivilisten." Es gebe auch Anhaltspunkte dafür, dass sogar Menschen in Krankenwagen angegriffen würden. Auch komme es zu Folter. "Das passiert leider auch auf der anderen Seite. Es gibt Racheakte."
Bisher sei nicht genug geschehen. "Wir sollten alle mit einer Stimme sprechen - um das jetzige Leiden zu reduzieren, aber auch für die Zukunft des Landes." Eine zentrale Rolle spiele der UNO-Sicherheitsrat. Bisher habe es einige nicht-bindende UNO-Resolutionen gegeben, die in die richtige Richtung gingen. "Der Sicherheitsrat muss einen Weg finden zusammenzukommen" - hinsichtlich einer politischen Lösung für Syrien, aber auch humanitärer Fragen.
Bei der Sicherheitsratssitzung zu Syrien am 30. August in New York sollten diese humanitären Fragen nach Ansicht der Kommissarin weit oben auf der Tagesordnung stehen. Dabei sollte es vor allem um zwei Punkte gehen: dass das humanitäre Recht beachtet und Hilfsorganisationen mehr Zugang gewährt werde, damit mehr Helfer ins Land gelangen könnten. "Das ist wichtig für Syrien selbst, aber es ist auch von entscheidender Bedeutung für den Libanon, Jordanien und auch für die Türkei", betonte Georgiewa mit Hinweis auf die wachsenden Flüchtlingszahlen in den Nachbarländern Syriens. "Hilfe innerhalb Syriens bedeutet auch weniger Druck auf eine fragile Nachbarschaft."
Flucht in den Libanon
Nach den jüngsten Kämpfen und Massakern im Süden von Damaskus haben Tausende Syrer im Libanon Zuflucht gesucht. Ein libanesischer Grenzbeamter sagte am Montag, binnen weniger Stunden hätten mehr als 6.000 Menschen die Grenze überquert. Die meisten Flüchtlinge stammten aus den südlichen Vororten der syrischen Hauptstadt.
"Wir haben Damaskus heute Morgen verlassen, weil wir Angst haben, dass sich die Situation in der Hauptstadt noch weiter verschlechtern wird", sagte eine Mutter, die mit ihren zwei Kindern in der libanesischen Hauptstadt Beirut eintraf. Bei den Vereinten Nationen im Libanon haben sich bereits mehr als 51.000 Syrer als Flüchtlinge registrieren lassen.
Türkei schließt die Grenzen
Die türkischen Behörden haben damit begonnen, Syrer an einer Flucht über die Grenze zu hindern. Wegen der schnell wachsenden Zahl von Flüchtlingen wolle die Türkei nicht mehr alle Syrer aufnehmen, berichteten türkische Medien am Montag.
Ein Regierungsvertreter bestätigte die Berichte auf Anfrage, ohne Details zu der neuen Politik zu nennen. Türkische Kommentatoren sehen in der Entscheidung einen möglichen Schritt auf dem Weg zur Einrichtung einer Schutzzone auf syrischer Seite der Grenze. Inzwischen sind mehr als 80.000 Syrer in die Türkei geflüchtet.
Kämpfe bei Damaskus
Bei Kämpfen zwischen Revolutionsbrigaden und Regierungstruppen sind am Montagmorgen 20 Menschen getötet worden. Wie Aktivisten weiter berichteten, waren unter den Opfern auch fünf Kinder, die im südlichen Umland von Damaskus den Tod fanden. Die Regimegegner meldeten außerdem den Absturz eines Militärhubschraubers über dem Stadtteil Jobar. Kämpfer der Freien Syrischen Armee aus dem benachbarten Viertel Al-Kabun hätten den Helikopter "abgeschossen".
Das syrische Staatsfernsehen berichtete von Erfolgen der Regierungstruppen im Kampf gegen "Terroristen" in der Provinz Idlib.