
Kairo. Das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) hat inzwischen 214.120 Flüchlinge aus Syrien registriert, die in den Nachbarländern Türkei, Jordanien, Libanon und Irak Zuflucht gefunden haben. Das gab die UNHCR-Sprecherin Melissa Fleming bekannt. Die Kämpfe im Bürgerkrieg in Damaskus erreichten unterdessen in der Nacht Stadtteile, die von der Gewalt bisher weitgehend verschont geblieben waren. Bei Luftangriffen auf Dörfer in der Provinz Idlib sollen am Dienstag zahlreiche Menschen getötet worden sein.
Die Armee beschoss nach Angaben von Aktivisten mehrere Viertel im Osten der Hauptstadt. Vor dem Morgengrauen seien die Stadtteile Samlaka, Kabun, Jobar und Ain Tarma angegriffen worden, teilte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Der Generalrat der Syrischen Revolution, ein Zusammenschluss von Aktivisten in Syrien, erklärte, Regierungstruppen hätten den Rand der Vorstädte Harasta und Irbin bombardiert. Hubschrauber und Kampfflugzeuge seien im Einsatz. In der Nacht auf Dienstag hörten Bewohner des Viertels Jaramana mehrere Explosionen. Ein Mann wurde in seinem Auto von einer Granate tödlich getroffen.
Tausende Menschen verließen laut Aktivisten die Ortschaft Kafr Batna, die nordöstlich von Damaskus liegt. Dort sollen bei einem Angriff der Regierungstruppen auf mutmaßliche Stellungen der Revolutionsbrigaden neun Menschen ums Leben gekommen sein, darunter drei Kinder.
In Idlib zählten die Gegner des Assad-Regimes 17 Tote. Siee veröffentlichten Videoaufnahmen aus dem Dorf Kafr Nabl in der Provinz, die zerstörte Gebäude und brennende Fahrzeuge zeigen. Insgesamt seien in Syrien am Vormittag 32 Menschen ums Leben gekommen, hieß es. Am Montag hatte die Organisation Syrischer Menschenrechtsbeobachter insgesamt 230 Tote in Syrien gezählt.
Rücktrittsforderung als Verletzung der syrischen Souveränität?
Der syrische Staatsminister für nationale Versöhnung, Ali Heidar, bezeichnete die Forderung nach einem Rücktritt von Präsident Bashar al-Assad als "vollkommen unannehmbar". Sie sei vom Ausland aufgestellt worden und stelle eine Verletzung der syrischen Souveränität dar. "Missverständnisse" zwischen dem syrischen Volk und der Regierung seien in eine "gewalttätige Krise" umgeschlagen. Die Regierung strebe jedoch eine politische Lösung an und wolle mit ihren Gegnern verhandeln. Heidar äußerte sich am Montag in Teheran, wo er am Gipfel der Blockfreien-Bewegung teilnimmt. Am Donnerstag berät der UNO-Sicherheitsrat erneut über die Lage in Syrien.
Das UNHCR hatte für das Gesamtjahr 2012 nur 185.000 syrische Flüchtlinge prognostiziert. Diese Zahl sei nun "beträchtlich nach oben revidiert" worden, hieß es aus Genf. Der Zustrom an Flüchtlingen in das Lager Za'atri im Norden von Jordanien allein habe sich zuetzt verdoppelt, sagte Fleming. In der vergangenen Woche seien dort 10.200 Menschen angekommen. Eine weitere Ausweitung wird angenommen: "Wir glauben, dass dies der Beginn eines bedeutenden, noch viel größeren Zustroms nach Jordanien sein könnte."
70.000 syrische Flüchtlinge seien vom UNHCR in Jordanien registriert. Tausende weitere hätten sich nicht offiziell für Unterstützung eingetragen. "Die Flüchtlinge sagen, Tausende mehr warten, die Grenze wegen der Gewalt um Deraa zu überqueren." Es gebe Berichte, wonach Flüchtlinge, die die Grenze überschreiten wollten, bombardiert und auf andere Weise beschossen worden seien. Auch in die Türkei flöhen immer mehr Syrer. In den vergangenen zwei Wochen seien bis zu 5.000 Flüchtlinge täglich dort angekommen.
Mursi fordert Assads Absetzung
Inzwischen hat sich auch der neue ägyptische Präsident Mohammed Mursi für die Absetzung des syrischen Staatschefs Assad ausgesprochen. "Jetzt ist die Zeit gekommen, das Blutvergießen zu beenden, die Rechte des syrischen Volkes wiederherzustellen, und für das Regime, das sein Volk tötet, zu verschwinden", sagte Mursi in einem Interview. "Es gibt keinen Bedarf, über Reformen zu sprechen, wir müssen über einen Wandel reden." Ein militärisches Eingreifen in Syrien lehnt Mursi aber ab.