Tel Aviv/Washington. US-Präsident Barack Obama möchte sie nicht ziehen, Israel schon: eine rote Linie. Würde sie vom Iran überschritten, wäre ein bewaffneter Konflikt unausweichlich.
Teheran betreibe sein Atombombenprogramm unbeeindruckt von den Sanktionen weiter, sagte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu in einem am Sonntag veröffentlichten Interview mit der "Jerusalem Post": "Ich denke, klare rote Linien müssen gezogen werden, damit dem Iran die Folgen klar werden, wenn er diese überschreitet."
US-Präsident Barack Obama hatte erst am Samstag vor derartigen Festlegungen gewarnt. Auch Netanyahu selbst würde die Bedingungen eines militärischen Eingreifens nicht nennen wollen, weil "kein Staatsmann sich die Hände binden lässt", sagte Obama nach israelischen Medienberichten in einer Telefonkonferenz mit 1.200 amerikanischen Rabbinern aus Anlass des jüdischen Neujahrsfestes Rosh Hashana.
Irans "unglaublicher Fanatismus"
Netanyahu sieht den Iran mit dem Feuer spielen. Die iranische Führung setze "ihren Glaubenseifer über alles" und habe "überall Selbstmordattentäter", sagte Netanyahu dem US-Rundfunksender NBC. "Ich würde nicht auf ihre Vernunft bauen", fügte er hinzu.
Der Iran wird nach israelischer Darstellung in sechs bis sieben Monaten an der Schwelle zum Bau einer Atombombe stehen. Die Islamische Republik, so Netanyahu, könnte bis Mitte 2013 über 90 Prozent des benötigten Urans verfügen. Er rief die US-Regierung auf, dem Iran klare Grenzen aufzuzeigen, "bevor es zu spät ist".
Seit dem Beginn des atomaren Zeitalters gebe es Länder mit Zugang zu Nuklearwaffen, die aber "immer sorgfältig Kosten und Nutzen abgewogen" hätten, sagte Netanyahu. "Aber der Iran wird von einer Führung mit einem unglaublichen Fanatismus beherrscht", ergänzte er. Dabei handle es sich um "denselben Fanatismus", der Grundlage der Gewalt gegen zahlreiche westliche Botschaften in der muslimischen Welt in den vergangenen Tagen gewesen sei.
Überschreitet Syrien eine rote Linie?
Eine rote Linie hat Präsident Obama eindeutig gezogen: Die syrische Führung unter Staatschef Bashar al-Assad hatte Ende Juli erklärt, Chemiewaffen im Fall eines Angriffs aus dem Ausland einsetzen zu wollen, nicht aber gegen die eigene Bevölkerung. Im August drohte Obama dennoch mit einem militärischen Eingreifen in Syrien, falls die Führung unter Staatschef Bashar al-Assad Chemiewaffen einsetzen würde. Auch bei der Vorbereitung eines Einsatzes von chemischen oder biologischen Waffen würde die "rote Linie" überschritten, sagte er damals.
Laut "Spiegel Online" soll die syrische Armee aber vor wenigen Wochen Trägersysteme für Giftgasgranaten getestet haben. Die Tests hätten in der Nähe des Forschungszentrums für Chemiewaffen bei Safira östlich der Stadt Aleppo stattgefunden, berichtete das Magazin am Sonntag unter Berufung auf Zeugen. Insgesamt fünf oder sechs der Granaten, die für chemische Kampfstoffe vorgesehen seien, wurden demnach Ende August "unbefüllt" abgeschossen.
Auch der Iran ist darin verwickelt: Dem "Spiegel"-Bericht zufolge sollen zu den Tests iranische Offiziere per Hubschrauber eingeflogen worden sein. Die Anlage bei Safira gilt als größtes Versuchszentrum für Chemiewaffen in Syrien und wird offiziell als Forschungseinrichtung geführt. Iranische und nordkoreanische Experten sollten in dem abgeriegelten Komplex tätig sein, in dem westlichen Geheimdiensten zufolge die Gifte Sarin, Tabun und Senfgas hergestellt und an Tieren erprobt würden.
Iran gibt Militärpräsenz in Syrien zu
Die Revolutionsgarden des Iran sind nach eigenen Angaben mit Beratern in Syrien tätig. Es handle sich aber nicht militärische Unterstützung, zitierte die iranische Nachrichtenagentur Isna am Sonntag den Kommandanten der Elitetruppe, Mohammed Ali Jafari. Sollte Syrien jedoch militärisch angegriffen werden, würde der Iran dem Land auch militärisch beistehen. "Aber das hängt komplett von den Umständen ab." Es ist das erste Mal, dass ein hochrangiger Armeekommandant eine militärische Präsenz des Iran in Syrien zugibt.