Benghazi. Eineinhalb Wochen nach der Erstürmung des US-Konsulats im libyschen Benghazi (Bengasi) haben hunderte wütende Bürger mehrere bewaffnete Milizen von ihren Stützpunkten verjagt. Bei Auseinandersetzungen wurden in der Nacht zum Samstag laut Ärzten mindestens elf Menschen getötet und 70 weitere verletzt. Demonstranten vertrieben auch die Gruppe Ansar al-Sharia (Unterstützer der Scharia), die für den Tod des US-Botschafters Chris Stevens verantwortlich gemacht wird.
Unter Rufen wie "Das Blut der Märtyrer wurde nicht umsonst vergossen", stürmten die Demonstranten am Freitagabend eine Kaserne im Zentrum von Benghazi, plünderten das Gebäude und setzten es in Brand. Die Salafistengruppe Ansar al-Sharia zog sich angesichts der Menge an Protestierenden zurück. Anschließend zogen hunderte Menschen, darunter mehrere Bewaffnete, vor eine Stellung der Raf-Allah-al-Sahati-Brigade, 15 Kilometer außerhalb von Benghazi. Nach einem zweistündigen Kampf räumte die dem Verteidigungsministerium unterstellte Brigade das Gebäude in Hawari. Bei diesen Kämpfen starben mindestens vier Menschen.
Offenbar sind mehrere Sicherheitskräfte hingerichtet worden. Die Art der Verletzungen deute darauf hin, dass "sechs Personen hingerichtet wurden", teilte ein Arzt der städtischen Leichenhalle am Samstag mit. Vier der Opfer seien mit Kopfschüssen getötet worden, zwei mit Schüssen in Kopf und Brust, sagte der Mediziner, der ungenannt bleiben wollte. Ein Mitarbeiter im Büro der Staatsanwaltschaft bestätigte die sechs Todesfälle.
Mit Schwertern und Fleischerbeilen
Die zum Teil mit Schwertern und Fleischerbeilen bewaffneten Demonstranten forderten die Kämpfer auf, ihre Waffen niederzulegen, und vertrieben sie aus dem Lager. Auf Fernsehbildern waren brennende Gebäude und Fahrzeuge zu sehen. "Nach dem, was im amerikanischen Konsulat geschehen ist, haben wir genug von den Extremisten", sagte ein Demonstrant vor der Kamera.
Als die Menge ein weiteres vermeintliches Milizen-Lager in der Stadt stürmen wollte, eröffneten Kämpfer mit Maschinengewehren das Feuer. Wie es unter Berufung auf Krankenhausangaben hieß, kamen dabei vier Menschen ums Leben.
Demonstranten in die Irre geführt?
Eine Korrespondentin, die für den Nachrichtensender CNN aus Benghazi berichtet, sagte, das zweite Camp sei kein Islamistenstützpunkt gewesen, sondern ein Lager regierungstreuer Kräfte. Allem Anschein nach seien die Demonstranten mit falschen Informationen in die Irre geführt worden. Nach Informationen des britischen Senders BBC gab es im Laufe der Proteste noch ein weiteres Todesopfer an anderer Stelle.
Tagsüber hatten am Freitag bereits 30.000 Menschen friedlich protestiert. Ihr Zorn richtete sich vor allem dagegen, dass seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi in den vergangenen Monaten vielerorts Milizen das Sagen haben und es die Behörden versäumten, die Gruppen zu entwaffnen. Die Proteste hatten außerdem starken Zulauf von Libyern, die den Überfall vom 11. September verurteilten, bei dem US-Botschafter Stevens und drei weitere US-Bürger getötet wurden. Aus Protest gegen einen in den USA produzierten islamfeindlichen Film hatten Angreifer das US-Konsulat in Benghazi gestürmt.
Tägliche Proteste
Seit dem Angriff hätten die Menschen von Benghazi "täglich gegen die Gruppe Ansar al-Sharia demonstriert, die in den Tod verwickelt ist", sagte der Libyen-Experte Jason Pack. Auch bei den Demonstrationen vom Freitag, die unter dem Motto "Befreit Benghazi" standen, hielten Menschen Spruchbänder mit Sätzen wie "Libyen hat einen Freund verloren" in den Händen. Die USA bezeichneten den Angriff jüngst als "Terrorattacke". Washington geht davon aus, dass sich Terroristen die Proteste gegen das Video offenbar zu Nutze machten. Ansar al-Sharia hat dementiert, für den Konsulats-Angriff verantwortlich zu sein.
Der libysche Innenminister Fawzi Abdelali warnte angesichts des aufwallenden Volkszorns vor "Chaos". Die Regierung in Tripolis rief die Demonstranten auf, zwischen "illegitimen" bewaffneten Gruppen und solchen zu unterscheiden, die der Autorität des Verteidigungs- oder Innenministeriums unterstellt seien. Auch Parlamentspräsident Mohammed al-Megaryef forderte die Demonstranten auf, die Basen loyaler Brigaden zu räumen.