Tel Aviv. Über eine Seilwinde geht es metertief durch einen Schacht in die Erde. "Wir graben", sagt ein junger Arbeiter. Dann wird Sand in Kanistern aus dem engen Tunnel gezogen. Willkommen am "Friedhof der Lebenden". So lautet der Titel eines englischsprachigen Films, der die Schmugglertunnel zwischen dem Gazastreifen und Ägypten zum Thema hat. Ausgestrahlt wurde er diese Woche bei einer Konferenz an der Universität Birzeit in Ramallah, wo palästinensische und internationale Experten Gefahren und Potenziale der Tunnelökonomie von Gaza analysiert haben.

Allein in den letzten fünf Jahren seien rund 200 Menschen in den Tunneln gestorben, sagte Nicolas Pelham, ein britischer Israel-Palästina-Experte und Korrespondent des "Economist"-Magazins. Manche Arbeiter wurden verschüttet, andere waren einfach zur falschen Zeit im Untergrund, während ägyptischer oder israelischer Angriffe. Auch Kinder sind oft unter den Toten. Sie werden wegen ihres schmalen Körpers zum Schuften eingesetzt.
Gaza lebt vom Schmuggel
Gleichzeitig sind die Tunnel die wirtschaftliche Lebensader des Gazastreifens. Durch sie werden Baumaterialien, Konsumartikel, Pkw, Treibstoffe und Waffen eingeführt. Zwischen 500 und 700 Millionen US-Dollar an Gütern sollen jedes Jahr durch die dunklen Gänge transportiert werden. Für mehr als 1,6 Millionen Palästinenser ist das zu einer Art Lebensgrundlage geworden, die aber vom Schmuggel und seinen Profiteuren abhängig macht.
"Die Tunnel seien sowohl ein Friedhof als auch eine Quelle des Profits", sagt Pelham. "Die Hamas und viele andere verdienen viel Geld damit." Der "Economist"-Korrespondent war Teil eines UNO-Forscherteams, das rund 500 Interviews mit Menschen im Dunstkreis der Tunnelökonomie geführt hat. Ihre Verflechtungen reichen von Tunnelbetreibern, einflussreichen Familien und der im Gazastreifen regierenden Hamas über Beduinenstämme auf der ägyptischen Sinai-Halbinsel bis hin zu Waffenhändlern in Nordafrika.
Eine kleine Zahl geheimer Tunnel gibt es im Gazastreifen seit Jahrzehnten. Doch erst durch die Grenzblockade Israels und Ägyptens im Jahr 2007, als die islamistische Hamas die Kontrolle des Gazastreifens übernommen hatte, wurden die Tunnel auch für den kommerziellen Handel wichtig. Nach der ägyptischen Revolution ließ Präsident Mohamed Mursi den Grenzübergang zu Gaza zwar kurz wieder öffnen. Doch nach einem Anschlag im Sinai im August, bei dem 16 ägyptische Soldaten getötet wurden, schloss Kairo den Grenzübergang vorübergehend und versiegelte viele der Tunnel. Denn sie sollen von den Angreifern benutzt worden sein und werden deshalb als Sicherheitsrisiko gesehen. Der Handel unter der Erde geht dennoch weiter, wenn auch etwas gebremst.