Das Taliban-Attentat auf Malala Yousafzai - ihr wurde in den Kopf geschossen - hat die internationale Aufmerksamkeit auf das Swat-Tal im Nordwesten Pakistans gerichtet. Für die Islamisten ist Malala eine "Obszönität", in großen Teilen der restlichen Welt wurde sie zum Symbol im Kampf für Rechte von Mädchen und Frauen. Zebu Jilani, Gründerin der "Swat Relief Initiative" und Enkelin des letzten Königs oder "Wali" von Swat, setzt sich seit Jahren für nachhaltige Entwicklung in dem Tal ein. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" gibt sie Einblicke in eine von Krisen geschüttelte Region.
"Wiener Zeitung":Sie sind mit Malalas Familie befreundet, was war Ihre Reaktion, als Sie von dem Attentat erfahren haben?
Zebu Jilani: Purer Schock. Vor ungefähr einem Jahr hat mir Malals Vater, Ziauddin Yousafzai, erzählt, dass er Mord-Drohungen von den Taliban bekommt. Wir haben uns um ihn gesorgt, hätten aber nie damit gerechnet, dass die Taliban so weit gehen würden und auf ein vierzehnjähriges Mädchen schießen.
Wie ist die Situation im Swat-Tal derzeit?

Die Taliban haben gezeigt, dass es für sie anscheinend keine Grenzen gibt. Das Militär ist wieder verstärkt in der Region und es gibt derzeit vermehrt Sicherheitskontrollen. Grundsätzlich sind die Leute sehr über die Taliban verärgert, aber eine solche Tat schürt natürlich auch Angst.
Wie kann man sich das Leben von Frauen und Mädchen im Swat-Tal vorstellen?
Hier geht es nicht nur um Frauenrechte, hier kämpfen Frauen um ihre Existenz. Abgesehen von wenigen Ausnahmen wie den Yousafzais, sind Töchter hier praktisch nichts wert. Anhand von Sheerinna lässt sich das veranschaulichen: Sie ist eine von tausenden Witwen im Swat-Tal, die ihren Mann durch die Taliban verloren hat. Sie hat vier Töchter aber keinen Sohn und gilt daher als "Mirat" - was einer Art "Verfluchung" gleichkommt. Ohne männlichen Nachkommen geht das Eigentum ihres Mannes automatisch an dessen Brüder, denen sie somit vollkommen ausgeliefert ist.
Wirkt die Situation angesichts solcher gesellschaftlicher Normen nicht manchmal aussichtslos?
Gesellschaftliche Veränderung ist ein Langzeit-Projekt. Dabei war das Swat-Tal früher eine sehr fortschrittliche Region. Mein Großvater, Miangul Jahanzeb, hat viele Stämme vereint, feudale Strukturen hinter sich gelassen und einen modernen Staat gegründet, der bis 1969 unabhängig blieb. Was Bildung betrifft, war er ein Pionier und hat schon 1922 die erste Schule für Mädchen gegründet. Als Teil Pakistans wurde das Swat-Tal allerdings zum Hinterland, ohne funktionierendem Rechtssystem und kaum Infrastruktur. Die letzten Jahre folgte eine Katastrophe der anderen: die Übernahme durch die Taliban hat jegliche Entwicklung unterbrochen und die resultierenden Konflikte zwischen Taliban und pakistanischer Armee 2009 führten zu einer massiven Flüchtlingskrise. 2010 folgte eine verheerende Flut. In diesen Jahren habe ich die Swat Relief Initiative gegründet. Mit mobilen Krankenstationen konnten wir täglich über 400 Menschen medizinisch versorgen und benötigte Soforthilfe leisten. Jetzt gilt es aber, langfristige Entwicklung zu fördern. Das ist aufweniger und muss die Menschen in der Region einbeziehen.