• vom 08.02.2013, 17:25 Uhr

Weltpolitik

Update: 08.02.2013, 21:41 Uhr

Israel

Israels Kinder, die es nie gab




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Von WZ-Korrespondent Andreas Hackl

  • Systematische Diskriminierung von aus Äthiopien stammenden Israelis
  • Besuch bei Rachel Mangoli, die den Skandal der Zwangsverhütung an äthiopischen Juden aufgedeckt hat

Äthiopische Kinder tollen auf einer Straße in Jerusalem herum. Durch gezielte Verhütungspolitik dürfte ihre Zahl in den vergangenen Jahren in Grenzen gehalten worden sein. - © epa

Äthiopische Kinder tollen auf einer Straße in Jerusalem herum. Durch gezielte Verhütungspolitik dürfte ihre Zahl in den vergangenen Jahren in Grenzen gehalten worden sein. © epa

Tel Aviv. "Weiter putzen. Putz weiter!", tönt eine Stimme aus dem Telefonhörer der israelischen Sozialarbeiterin Rachel Mangoli. Auf der anderen Seite der Leitung spricht eine äthiopische Israelin Namens Tilamesh. Doch zu hören ist nur das Geschrei ihres wütenden Chefs. Putzen solle sie, nicht reden. Dabei hat die 32-Jährige schon viel zu lange geschwiegen.

"2002 war ich war im Lager in Äthiopien. Mein Sohn war gerade einen Monat alt. Dann ist einer gekommen und hat gesagt, wenn ich die Spritze nicht nehme, dann werde ich in Israel auch keine medizinische Versorgung bekommen", übersetzt Rachel Mangoli, was ihr Tilamesh durch das Telefon in amharischer Sprache erzählt. In der Spritze war das Langzeitverhütungsmittel Depo-Provera, das äthiopischen Immigrantinnen nach Israel in den Vorbereitungslagern Äthiopiens und noch Jahre danach im Auftrag israelischer Behörden verabreicht wurde. "Unter Zwang", sagt Mangoli, die den Skandal vor mehr als sechs Jahren enthüllt hat.

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Viele Frauen haben seitdem ausgesagt. Sie wurden unter Druck gesetzt, das Mittel zu nehmen, und wurden nicht über Nebenwirkungen und Alternativen aufgeklärt. Jahrelang hielten sie aus Angst vor Konsequenzen still. Bis eine Fernsehreportage das Thema vor kurzem wieder zum Diskussionspunkt machte. Nun hat auch das israelische Gesundheitsamt zugegeben, die Spritzen verabreicht zu haben. Alle Ämter wurden angewiesen, Depo-Provera nicht mehr zu spritzen, sofern Verdacht besteht, dass die Frauen nicht ausreichend darüber Bescheid wissen. "Warum es dazu gekommen ist? Weil sie schwarz und schwach sind", sagt Mangoli im Jugendzentrum der Zionistischen Weltfrauenorganisation in Pardes Katz, einem heruntergekommenen Viertel außerhalb von Tel Aviv. "Das ist Rassismus. Politik hat den Körper dieser Frauen kontrolliert."

Sozialarbeiterin Rachel Mangoli fiel die ungewöhnlich niedrige Geburtenrate unter äthiopischen Frauen auf.

Sozialarbeiterin Rachel Mangoli fiel die ungewöhnlich niedrige Geburtenrate unter äthiopischen Frauen auf.© Andreas Hackl Sozialarbeiterin Rachel Mangoli fiel die ungewöhnlich niedrige Geburtenrate unter äthiopischen Frauen auf.© Andreas Hackl

Kaum Geburten
Pardes Katz wurde vor sechs Jahren zur neuen Heimat von mehr als 50 Familien, die wie alle äthiopischen Einwanderer der vergangenen Jahre schon im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Einfluss von Missionaren zum Christentum konvertierten. Um die israelische Staatsbürgerschaf zu bekommen, müssen sie nach der Einreise in eigenen Zentren in das orthodoxe Judentum zurückkonvertieren. Die Familien von Pardes Katz sind Teil der letzten 8000 Äthiopier, die Israel seit 2010 noch ins Land lässt.

Schon in den 1980ern und 1990ern wurden mehr als 30.000 äthiopische Juden eingeflogen. Doch der Traum von der schönen neuen Heimat blieb für viele unerfüllt: Mehr als die Hälfte der 125.000 äthiopischen Israelis leben unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenrate ist doppelt so hoch wie bei anderen jüdischen Israelis. "Sie sind aus der Dritten Welt direkt in die Dritte Welt gekommen", meint Mangoli.

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Dokument erstellt am 2013-02-08 17:29:04
Letzte ─nderung am 2013-02-08 21:41:17




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