• vom 26.09.2013, 18:28 Uhr

Weltpolitik

Update: 26.09.2013, 18:40 Uhr

Zaatari-Camp

Wenn ein Flüchtlingscamp zur Stadt wird




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Von WZ-Korrespondent Andreas Hackl

  • Ringen um Macht und Einfluss
  • Im zweitgrößten Flüchtlingslager der Welt, dem Zaatari-Camp in Jordanien, wird humanitäre Hilfe immer mehr zu Politik.

"Bürgermeister" Kilian Kleinschmidt will Strukturen ändern.

"Bürgermeister" Kilian Kleinschmidt will Strukturen ändern. "Bürgermeister" Kilian Kleinschmidt will Strukturen ändern.

Amman. "Es ist ruhig geworden", sagt Kilian Kleinschmidt im Basiscamp des zweitgrößten Flüchtlingslagers der Welt, dem Zaatari-Camp in Jordanien. Es ist mit 120.000 registrierten Bewohnern die fünftgrößte Ansiedlung im Land. Und Kleinschmidt ist ihr Bürgermeister. Für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, dem UNHCR, soll er hier Ordnung und Stabilität schaffen.


Weit mehr als 500.000 syrische Flüchtlinge sind laut Schätzungen der jordanischen Regierung seit März 2011 nach Jordanien geflohen. Anfang April strömten noch 2000 Flüchtlinge am Tag aus Syrien über die Grenze. Heute sind es nur mehr zwischen 50 und 100. "Am Anfang hatten wir keine Ahnung, wer hier wer ist", sagt er. "Es gab Schlägereien und Proteste." Doch jetzt denke man über Politik und Verwaltung nach, über ein Stromnetz und über öffentliche Verkehrsmittel. "Im Endeffekt ist hier eine Stadt im Entstehen."

Droht der UNO mit "Explosion": Anführer Abu Asim. aha

Droht der UNO mit "Explosion": Anführer Abu Asim. aha Droht der UNO mit "Explosion": Anführer Abu Asim. aha

Im sogenannten Basislager zwischen den Bürocontainern der humanitären Organisationen verschränkt Kleinschmidt die Arme hinter dem Kopf und lehnt sich entspannt im Sessel zurück. Er ist die sprichwörtliche Ruhe in Person. Als Ausdruck des neuen Gleichgewichts hat er sich sogar einen kleinen Brunnen auf das Kunstgras zwischen den Containern gestellt, an dem das Wasser gemächlich hinunterplätschert. Kleinschmidt stellt sich aufs Bleiben ein. So wie auch viele der Flüchtlinge im Lager.

Manche haben sich in den letzten Monaten regelrechte Villen aus Containern gebaut. In dem Meer aus Zelten, das die raue Wüstenlandschaft überzieht, schießen mittlerweile 18.000 Wohncontainer hervor. Ein Flüchtling habe sogar ein kleines Schwimmbad aufgemacht, zu dem er Eintritt verlangt, sagt Kleinschmidt. Auch in der Sham-Élysées, der nach Al-Sham ("Syrien") und der Pariser Prunkmeile Champs-Élysées benannten Einkaufsstraße, entsteht ein regelrechtes Handelszentrum. An kleinen Verkaufsständen entlang der staubigen Straße werden Hilfsgüter, Lebensmittel und Kleider verkauft. Dazwischen Kaffeehütten und kleine Imbissbuden. Sogar Einkaufszentren gibt es, erklärt der junge Syrer Qasem stolz vor einer Baustelle. Aus Containerteilen baut er hier ein Lebensmittelgeschäft, in dem aus Syrien importierte Waren verkauft werden sollen. Solange dort Machthaber Bashar al-Assad weiterregiert, gibt es für die Menschen hier kein Zurück, sagt er. Deshalb solle man besser investieren, anstatt die Zeit totzusitzen.



Investieren können aber nur jene, die Kapital haben. Manche sind mit Bargeld aus Syrien gekommen, andere beziehen Geld von Verwandten in Jordanien oder von zu Hause. Auch durch Spenden der Wohltätigkeitsorganisationen fließt Geld in das Camp. Von humanitären Organisationen wie dem UNO-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) erhalten die Flüchtlinge Lebensmittel, Wasser, Schulbildung und Infrastruktur. Wem das Leben im einfachen Zelt mit der täglichen Ration Linsen zu wenig ist, hat hier nur wenige Alternativen. Einen Ausweg bietet die informelle Ökonomie, von Kleinschmidt auch "Kriminalität" genannt: Große Mengen an Hilfsgütern wie Zelten, Nahrung, und sogar Containern, die aus dem Lager geschmuggelt werden. Über Nacht werden Gemeinschaftstoiletten abgebaut. Sogar eine Polizeistation war eines Morgens verschwunden. Weil UNHCR nur Strom für die Straßenbeleuchtung zur Verfügung stellt, hat sich auch ein Geschäft der "Stromklauerei" entwickelt: Für ein paar hundert Euro schließen "Unternehmer" Geschäfte und Wohncontainer an das Stromnetz an. Gehandelt wird auch mit Amphetaminen. Und mit Frauen, die im Tausch für Geld oft für wenige Tage an wohlhabende Männer verheiratet werden, die sich kurz danach wieder von ihnen trennen.

"Revoluzzer" Abu Hussein.

"Revoluzzer" Abu Hussein. "Revoluzzer" Abu Hussein.

In der Transformation von chaotischem Lager zur "Flüchtlingsstadt" wird jedoch ein ganz anderer Bereich zur größten Herausforderung für die humanitäre Verwaltung: Politik und Machtkampf. Für die syrische Flüchtlingsbevölkerung war es schon anfangs schwierig, der externen Kontrolle im Camp zu vertrauen. Viele flohen vor der schweren Unterdrückung durch das Regime von Bashar al-Assad. Traumatisiert von den Erfahrungen des Krieges kamen sie in Jordanien an. Auch mit der UNO verbinden viele eher Negatives, wie etwa Israels Besatzung der syrischen Golanhöhen, an deren Grenze Blauhelme stationiert sind.

Rund 200.000 syrische Flüchtlinge leben in dem riesigen Barackenlager an der Grenze zu Syrien.

Rund 200.000 syrische Flüchtlinge leben in dem riesigen Barackenlager an der Grenze zu Syrien. Rund 200.000 syrische Flüchtlinge leben in dem riesigen Barackenlager an der Grenze zu Syrien.

Als Alternative zur Fremdregierung im Camp organisiert sich die Bevölkerung in Zaatari zusehends selbst. Sogenannte Straßenführer und Viertel-Chefs organisieren Arbeiter und lassen die Straßen von ihren Anhängern überwachen. Ein ehemaliger syrischer General will für die Sicherheit im ganzen Lager sorgen. Dazu mischen sich Schattenökonomie mit Stromklau und Schmuggel.

Komitees statt Straßenbosse
"Da hat sich eine eigene Führungsstruktur entwickelt", sagt Kleinschmidt. Das will er nun ändern. Das Lager soll in 12 Viertel mit je 10,000 Menschen eingeteilt werden. 1000 Kandidaten haben sich für eine neu geformte Nachbarschaftswache beworben. Davon werden bald 600 für die Lagerverwaltung die Straßen patrouillieren. "Sobald sich im Camp was entwickelt, wissen wir das. Wir haben den Finger am Puls", sagt Kleinschmidt. Die jeweiligen Viertel sollen von neu geschaffenen Komitees verwaltet werden. An ihrer Spitze "traditionelle syrische Autoritäten", sogenannte Sheikhs. "Die bringen Weisheit mit. Und sie müssen nicht rumbrüllen, um sich zu beweisen", sagt Kleinschmidt. Doch im Untergrund regt sich Widerstand.

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Dokument erstellt am 2013-09-26 18:33:10
Letzte Änderung am 2013-09-26 18:40:02




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