• vom 21.01.2014, 17:13 Uhr

Weltpolitik

Update: 21.01.2014, 19:33 Uhr

Syrien

Ökonomie einer Flucht




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Von Andrea Roedig

  • Wie ein in Österreich lebender Syrer seine Familie aus dem Krieg nach Europa in Sicherheit bringt
  • Seit Jahren lebt der Syrer Omar in Österreich. Er ist nun der Anker seiner Familie.

Syrische Flüchtlinge , die es aus dem vom Bürgerkrieg völlig zerrissenen Land geschafft haben.

Syrische Flüchtlinge , die es aus dem vom Bürgerkrieg völlig zerrissenen Land geschafft haben.© Wael Hamzeh/epa Syrische Flüchtlinge , die es aus dem vom Bürgerkrieg völlig zerrissenen Land geschafft haben.© Wael Hamzeh/epa

Wien. Er sieht aus wie ein feiner Kerl. Wie ein komplizierter Mensch vielleicht auch. Groß ist er, schlank, er trägt einen kurzgeschnittenen Bart und hat das volle, schwarze Haar zum halblangen Zopf zurückgebunden. Zum Treffen, das die Grüne Bildungswerkstatt arrangiert hat, bringt er seinen Hund mit, der reglos unterm Gasthaustisch liegt, während Omar seine Geschichte erzählt. Sein Englisch ist sehr gut.

Er spreche es besser als Arabisch, sagt er, im Arabischen mache er Fehler. Englisch, seine Lieblingssprache, sei die Sprache der Freiheit. "Ich bin nicht Syrer oder Palästinenser oder sonst etwas", sagt er auch, weil er Nationalität für kein besonders tragfähiges Konzept hält. Omar* ist 30 Jahre alt und lebt seit etwas mehr als vier Jahren in Österreich. Dass er in Damaskus geboren und aufgewachsen ist, als das älteste von drei Kindern einer Mittelschichtfamilie, bedeute nicht, dass er dort hingehöre. Seine Erzählungen über die Kindheit kommen zäh und zögerlich, wirken abstrakt, als seien sie nicht mehr von Belang. Er habe nie hineingepasst in die arabische Welt, sagt Omar. "Odd", "weird" und "black sheep" sind die Vokabeln, mit denen er sich selbst beschreibt.


Auf Wunsch seiner Eltern hatte Omar Jus studiert, das Studium kurz vor dem Abschlussexamen aber abgebrochen und eine Privatschule für Innenarchitektur besucht. Handwerklich geschickt verdiente er sein Geld zum Teil als Innenarchitekt, stellte Schmuck her, malte im Auftrag eines Kunsthandwerkgeschäfts in der Altstadt von Damaskus. Dort lernte er 2007 Marianne kennen, eine Österreicherin, die für einen längeren Auslandsaufenthalt in Syrien war. Er weiß noch genau, wie sie das Geschäft betrat, und zeichnet den Grundriss auf ein Stück Papier. Sie war der erste Mensch seit langem, der ihm etwas bedeutete. Die beiden trafen sich in Abständen mal in Dubai, dann wieder in Damaskus. Im Jahr 2009 heirateten sie, und am 30. 9. 2009, das Datum vergisst er nicht, zog Omar endgültig nach Österreich. Hier fühlte er sich sofort zu Hause, mehr zu Hause als je zuvor. Nichts rief ihn zurück. "Niemand in Syrien war wichtig für mich", sagt er und vermisst auch heute nichts, außer manchmal, wenn er wirklich Hunger hat, das arabische Schawarma.

Bis hierhin lief alles glatt und halbwegs unproblematisch. Doch dann brach der Bürgerkrieg in Syrien aus. Als die Unruhen im Mai 2012 Damaskus erreichten, verloren Omars Eltern ihre Arbeit. Omar telefonierte jetzt jeden Tag mit ihnen, suchte nach Lösungen.

Den Bruder retten
Plötzlich war er der Haltepunkt für den damals 53-jährigen Vater, die 49-jährige Mutter, für den Bruder und die Schwester, war verantwortlich für eine Familie, der er eigentlich hatte entkommen wollen. Eine Flucht über Dubai scheiterte, nach vielem Hin und Her nahm die Familie den Weg vieler Syrer: Sie floh nach Ägypten. Omar unterstützte seine Eltern finanziell, rund 800 Euro von dem, was er selbst verdiente, schickte er monatlich nach Kairo.

Zurück nach Damaskus führte kein Weg. Aber Kairo war ebenfalls eine Sackgasse. Im Juni 2013 erreichte Omar ein Anruf seines Bruders. Er sei bereits zwei Mal von der ägyptischen Polizei aufgehalten worden im Verdacht, an Demonstrationen teilgenommen zu haben. Nun fürchtete er eine Inhaftierung, "denn die Ägypter hassen die Syrer, weil sie in ihnen Unruhestifter sehen", meint Omar.

Sein Bruder wollte so schnell wie möglich in eines der Flüchtlingsboote, die von Alexandria aus nach Sizilien gehen, und sich dann bis nach Schweden durchschlagen, wo ein weiterer Onkel der Familie schon seit längerem lebte. Kostenpunkt: 3000 Euro. Omar besorgte das Geld. Dann begann die Zeit des Wartens, des Fürchtens, des Hoffens. Eine Woche lang war sein Bruder auf dem Meer unterwegs, unter den berüchtigten katastrophalen Bedingungen. Das Boot war komplett überbelegt, es gab nicht genug zu trinken und zu essen, eine einzige Toilette für alle, die Leute wurden seekrank und erbrachen sich über ihre Nachbarn. In dieser Woche hörte Omar nichts von seinem Bruder. Wie ist das, wenn man im Dunkeln bleibt? "Es war die längste Woche meines Lebens", sagt Omar.

Doch es ging gut aus, fürs Erste jedenfalls. Der Bruder kam sicher an. Die Polizei in Sizilien sei respektvoll gewesen, erzählte er später. Die Polizisten hätten den Flüchtlingen Shampoo besorgt und die Tore zum Camp vorsorglich offen gelassen. Denn der Trick ist der: Man kommt ins Aufnahmelager, muss von dort aber weglaufen, ohne offiziell registriert worden zu sein, einen Zug nach Norden nehmen, sich dann von einem Schleuser aufgreifen und weiter bringen lassen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-01-21 17:17:05
Letzte nderung am 2014-01-21 19:33:14




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