• vom 14.04.2014, 14:05 Uhr

Weltpolitik


China

Das vergiftete Erbe




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Von WZ-Korrespondent Wu Gang

  • In Chongqing gilt Ex-Parteichef Bo Xilai auch zwei Jahre nach dem Sturz als Volksheld. Seine Nachfolger kopieren die Methoden.

Als einer der mächtigsten Männer Chinas galt Bo Xilai einmal. Im Gerichtssaal platzten alle hochfliegenden Träume. - © reuers

Als einer der mächtigsten Männer Chinas galt Bo Xilai einmal. Im Gerichtssaal platzten alle hochfliegenden Träume. © reuers

Chongqing. "Chongqing ist die schönste Stadt der Welt." Der Verdacht liegt nahe, dass Ding Rui noch keine andere Stadt auf der Welt gesehen hat, denn auf Chongqing treffen viele Adjektive zu: imponierend, pulsierend, energetisch, hektisch, grau. Schön ist keines davon. Zumindest hat der 38-jährige Reisebegleiter auf einem Flussfahrtunternehmen eine Begründung für seine Behauptung: "Bevor Bo Xilai hier an die Macht gekommen ist, war Chongqing ein kleines Mädchen. Er hat die Stadt zu einer jungen Schönheit gemacht."

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Ding muss es wissen, denn er ist einer der Nutznießer der Hinterlassenschaften des gefallenen Stars der kommunistischen Partei Chinas: Er wohnt gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter in einer 70 Quadratmeter großen Sozialwohnung, für die er einen Bruchteil der ansonsten üblichen Mietpreise bezahlt. 73 Millionen Quadratkilometer an sozialem Wohnraum hat Bo Xilai während seiner fünfjährigen Regentschaft in der Yangtze-Metropole geschaffen. Hier ist seine Popularität auch zwei Jahre nach dem Platzen des bislang größten Skandals der Volksrepublik ungebrochen.

Erfolgreich mit Nostalgie
Im Frühjahr 2012 wurde Bo Xilai, der Hoffnungsträger der "neuen Linken" in China, seiner Ämter enthoben und aus der Partei ausgeschlossen. Den Stein ins Rollen gebracht hatte sein "Superbulle" Wang Lijun, mit dem er zuvor noch Seite an Seite öffentlichkeitswirksame Kampagnen gegen die organisierte Kriminalität durchzog - oder zumindest jene, die Bo dafür hielt. Doch dann ohrfeigte der Parteisekretär seinen obersten Ordnungshüter demonstrativ vor versammelter Mannschaft, dieser flüchtete ins amerikanische Konsulat in Chengdu, der Rest ist chinesische Geschichte: Bos Ehefrau Gu Kailai wurde im August 2012 wegen der Ermordung des britischen Geschäftsmannes Neil Heywood zum Tod auf Bewährung verurteilt, er selbst ein Jahr später wegen Bestechlichkeit, Unterschlagung und Amtsmissbrauch zu lebenslänglicher Haft.

Lebenslang bedeutet nach Chinas juristischer Definition und Praxis 15 bis 22 Jahre Haft. Für Bo Xilai dürfte es jedoch nur zwei Möglichkeiten geben, die ihn aus seinem goldenen Käfig im Funktionärsgefängnis Qincheng nördlich von Peking führen könnten: Entweder die kommende Führungsriege ist ihm nach Abtreten der Mannschaft um Parteichef Xi Jinping wieder wohlgesonnen, oder eine Revolution stellt das politische Gefüge des Landes auf den Kopf. Beides ist aus jetziger Sicht eher unwahrscheinlich. Die Ironie der Geschichte ist, dass das politische Erbe Bo Xilais trotz seines dramatischen Sturzes weitgehend intakt geblieben ist. Als Galionsfigur des linken Parteiflügels strebte er eine Rückbesinnung auf die Mao-Zedong-Ära an und bekämpfte eine Ausweitung der marktwirtschaftlichen Orientierung der Parteiführung. In der Praxis verwandelte er Chongqing während seiner Regentschaft zeitweise in eine große Karaoke-Bar, in der bei Massenversammlungen "rote" Revolutionslieder geschmettert wurden.

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Dokument erstellt am 2014-04-14 14:08:04




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