• vom 07.07.2014, 12:19 Uhr

Weltpolitik

Update: 25.03.2015, 16:32 Uhr

Irak

Öl, Klassenkampf und Ressourcen als Motivation für Arabellion und Bürgerkrieg




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Von Thomas Seifert

  • Die Konflikte im Nahen Osten haben tiefe Wurzeln und reichen weit in die Geschichte zurück.
  • Doch nun ist das Ende der Pax Americana gekommen, und die Karten werden neu gemischt.

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© Grafik: Archiv 20140707naher© Grafik: Archiv

Fahnen, überall Fahnen. Hier ein Zedernbaum im roten Kreis, das Symbol der von Samir Geagea angeführten Christen in Ayn al-Rammane, einer Vorstadt im Südosten von Beirut. Ein wenig näher Richtung Stadtzentrum, in Haret Hraik wehen gelben Fahnen der schiitischen Hisbollah im Wind. Zwei Kilometer nordwestlich von dort, im von Drogen und Gewalt geplagten Viertel Tarik Jdideh, kommt es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Schiiten und Sunniten. Willkommen in Beirut, willkommen im Libanon, ethno-religiösem Flickenteppich und Fluchtpunkt für von Krieg und Verzweiflung Vertriebenen und Versuchs-Labor für den Weltuntergang.

Doch von 1975 bis 1989 war das Land selbst "Exporteur" von Flüchtlingen, ein blutiger Bürgerkrieg tobte: Palästinenser und Drusen gegen maronitische Christen, die schiitischen Amal-Milizen gegen die Palästinenser, die sunnitische Al-Mourabitoun-Miliz gemeinsam mit den Palästinensern gegen Israel, später kämpft die Schiitenmiliz Hisbollah gegen Israel. Am Ende des Krieges war fast jede Gruppe im Verlauf der Kämpfe mit der anderen Gruppe verfeindet, verbündet und wieder verfeindet gewesen. Syrien und Israel hatten sich auf libanesischem Territorium einen Stellvertreterkrieg geliefert, in den auch Saudi-Arabien, Libyen und der Irak verwickelt waren, die USA und Frankreich versuchten sich erfolglos mit Friedenstruppen als Ordnungsmächte.

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Als am 22. Oktober 1989 die Unterschriften auf dem Taif-Friedensabkommen getrocknet waren, hatten 100.000 Menschen ihr Leben verloren, das Land war von syrischen und israelischen Truppen besetzt, hat sich bis heute nicht wirklich vom Konflikt erholt und wird immer wieder in regionale Konflikte hineingezogen: Von Mitte Juli bis Mitte August 2006 gab es Krieg zwischen der vom Iran unterstützten schiitischen Hisbollah und Israel. Bei den Kämpfen und Bombardements verloren 1191 Zivilisten ihr Leben. Nun, seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien im Jahr 2011, der nun auch auf den Irak überschwappt, wird das Land von einer nie da gewesenen Flüchtlingswelle erfasst, das Flüchtlingshilfswerk UNHCR spricht von 1.120.518 syrischen Vertriebenen im Libanon. Die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten haben seither zugenommen, die Anzahl der Anschläge ebenso.

Doch wo findet man die historischen Wurzeln der Konflikte im Nahen Osten? Nach dem Ersten Weltkrieg und der Niederlage des Osmanischen Reiches filetieren die siegreichen Imperien Frankreich und Großbritannien die Beute im Nahen Osten. "Im Sykes-Picot-Abkommen teilten sie das Erbe der Osmanen mit einer diagonalen, im Sand gezogenen Linie, die sich von der Mittelmeerküste bis zu den Bergen an der persischen Grenze zog. Das Territorium nördlich von dieser willkürlich gezogenen Linie sollte an Frankreich gehen, das Land südlich davon an Großbritannien", schreibt der am Kings College in London lehrende Historiker James Barr in seinem Buch: "A Line in the Sand - The Anglo-French Struggle for the Middle East 1914-1918". Die Linien, die damals mit Tinte auf einer Karte und ohne Rücksicht auf die ethnische Zusammensetzung gezogen wurden, werden seither mit Blut neu gezeichnet.

Israel, Öl, Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten
Prägend für die Region bis heute: Die Gründung Israels am 14. Mai 1948. Der Ölboom am Persischen Golf und im Irak. Aufstieg und Fall des säkularen, arabischen Nationalismus. Yom-Kippur-Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn samt darauf folgendem Opec-Öl-Embargo 1973. Bürgerkrieg im Libanon von 1975 bis 1990. Die islamische Revolution und der Sturz des Schah im Iran 1979 sowie der irakische Überfall auf den Iran am 22. September 1980, ein Blitzkrieg um Benzin, der zwei weitere Golfkriege (1990-1991 und 2003) provozierte.

Wobei sich der historische Konflikt zwischen Persern und Arabern in Form von religiösen Konflikten manifestiert. So kam es am 31. Juli 1987, mitten in einer heißen Phase des Irak-Iran-Krieges, in Mekka zu Zusammenstößen zwischen schiitischen Pilgern und saudischen Sicherheitskräften, bei denen mehr als 400 Menschen getötet wurden. 1988 war der blutige Krieg zwischen dem von arabischen Staaten und dem Westen unterstützten Irak und Iran mit einem Patt zu Ende gegangen. Saddam Husseins Irak wurde von der Schuldenlast von 86 Milliarden erdrückt: Ein Streit um Öl mit dem Nachbarn Kuwait eskalierte, am 2. August 1990 landeten irakische Amphibienboote in Kuwait, am Abend war die Annexion ein fait accompli. Der damalige Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung", Rudolph Chimelli, schrieb am Tag nach der Annexion: "Die Versuchung, einen neuen Krieg zu führen, der vorbei ist, bevor er richtig begonnen hat, muss für den irakischen Diktator Saddam Hussein unwiderstehlich gewesen sein. Sein Land ist infolge des achtjährigen Waffengangs mit den Persern ruinös verschuldet. Aber seine Armee hat mehr Waffen als irgendjemand sonst im Nahen Osten. Kuwait ist klein, reich und ohne mächtige Beschützer. Dennoch sieht Saddam Husseins Eintagekrieg mehr wie der Anfang als das Ende eines größeren Ringens um die Vormacht am Persischen Golf aus."

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Dokument erstellt am 2014-07-07 12:23:06
Letzte nderung am 2015-03-25 16:32:39




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