• vom 28.10.2014, 18:37 Uhr

Weltpolitik

Update: 29.10.2014, 19:00 Uhr

Cannabis

"Legalisierung löst das Drogenproblem nicht"




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Alexander U. Mathé

  • UN-Drogenchef Juri Fedotow im Interview.

"Wiener Zeitung": Das internationale Gremium "Global Commission on Drug Policy" mit so prominenten Mitgliedern wie UN-Generalsekretär Kofi Annan, Ex-Nato-Generalsekretär Javier Solana oder dem ehemaligen US-Notenbankchef Paul Volcker hat in seinem letzten Bericht Forderungen in Richtung Drogenliberalisierung gestellt. Hat Sie diese Haltung überrascht?

Juri Fedotow: Ich habe Vertreter dieser Kommission vergangene Woche getroffen. Die haben versucht mir zu erklären, dass diese Forderungen anders gemeint waren. Es gehe der Kommission nicht um Liberalisierung, sondern vielmehr um Reglementierung. Grundsätzlich stehen viele der Empfehlungen der Kommission im Einklang mit dem, was in der gemeinsamen Ministererklärung zur Drogenproblematik dieses Jahr beschlossen wurde. Bei der UN-Konvention geht es nicht um ein Verbot, sondern um Kontrolle. Es gibt zwei Fälle, in denen der Gebrauch von Drogen - beziehungsweise kontrollierter Substanzen, wie sie bei der UNO heißen - erlaubt ist. Erstens zur medizinischen Behandlung und zweitens zur wissenschaftlichen Forschung. Die Kommission sagt jetzt, dass unter Punkt zwei Experimente zur kontrollierten Abgabe durchgeführt werden können. So weit die Erklärung der Kommission, aber Sie haben natürlich recht, dass die allgemeine Wahrnehmung dahin gehend war, dass der letzte Bericht auf die Liberalisierung bestimmter Substanzen wie Cannabis abzielt.

Information

Juri Fedotow ist Russe und hatte mehrere Posten bei der UNO inne und war zwischenzeitlich russischer Vize-Außenminister. Seit Juli 2010 ist er der Leiter des UN-Büros für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung.


Und - wie stehen Sie zu Experimenten dieser Art?

Der Vorschlag, die Märkte rechtlich zu regulieren, steht in klarem Widerspruch zum bestehenden internationalen Recht auf dem Gebiet der Drogenkontrolle. Noch dazu könnte diese Art von Experimenten zu einem erhöhten Drogenkonsum führen und die Verantwortung, die Produktions-, Transit und Konsumländern teilen, untergraben.

In Österreichs Politik gibt es derzeit auch Rufe nach einer Cannabis-Legalisierung. Was sagen Sie dazu?

Das zu debattieren steht jedem Land frei. Wir, die UNO, unterstützen lediglich die Staaten dabei, ihr eigenes Rechtsinstrument zu implementieren. Von der EU generell und Österreich speziell ist aber stets ein Bekenntnis zu den bestehenden UN-Drogenkonventionen gekommen. In Österreich ist es auch so, dass das Drogenproblem nicht groß ist. Fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung sind betroffen, die Aufdeckungsrate ist stabil. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Uruguay, die USA, die Niederlande, Tschechien - immer mehr Länder verschreiben sich einer liberalen Drogenpolitik. Ist das eine zukunftsweisende Tendenz?

Die Drogenpolitik beruht auf drei Konventionen zur Drogenkontrolle. Die Unterzeichner dieser Konventionen glauben daran, dass diese eine Art Baustein für jede Politik sind, die versucht, der Bedrohung durch illegale Drogen zu begegnen. Heuer wurde in der Deklaration, die von allen Mitgliedstaaten unterzeichnet wurde, die Konventionen bekräftigt. Es gibt allerdings einen sehr starken Ruf danach, die Konvention im Geiste der ursprünglichen Idee durchzusetzen. Dabei geht es darum, die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschheit zu schützen. Drogenkonsum muss als das anerkannt werden, was er ist: ein gesundheitliches Problem und kein strafrechtliches oder moralisches. Wir müssen den Leuten helfen, sich vom Drogenmissbrauch zu erholen und von den damit verbundenen Krankheiten wie HIV, Hepatitis C, Tuberkulose und so weiter. Alle diese Patienten sollen nicht als Kriminelle behandelt werden, sondern gemäß der Konvention von 1961 als Menschen, die Fürsorge, Behandlung, Medikation und soziale Integration benötigen.

Was halten Sie grundsätzlich von den aktuellen Liberalisierungstendenzen?

Es ist, wie gesagt, das Recht der Mitgliedstaaten, über die Zukunft des bestehenden Systems zur Drogenkontrolle zu debattieren. Als Chef des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung ist es aber meine Aufgabe, die Führung innerhalb dieses Systems zu übernehmen. Mein Standpunkt ist es, dass die Legalisierung nicht die Lösung für das Drogenproblem der Welt ist. Auch allfällige Zusätze und Erweiterungen der Konventionen werden nicht das Ziel erreichen, die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschheit zu schützen.

Marihuana hat ja ein Image als nette Droge von nebenan. Dann sind da aber noch schwere Jungs wie Heroin und Kokain. Würde bei diesen auch das Tor zur Liberalisierung geöffnet?

Zuerst einmal: Marihuana ist nicht so harmlos, wie es oft dargestellt wird. Medizinische Untersuchungen haben gezeigt, dass es sehr schädlich sein kann, speziell für das Gehirn junger Menschen. Zweitens ist Cannabis die meistkonsumierte Droge der Welt. Die Pflanze wächst ja praktisch überall. Ein besonderer Stellenwert kommt dem Herumexperimentieren und dem Entstehen neuer Sorten zu, die einen hohen Wirkungsgrad haben. Normale Pflanzen haben einen Wirkungsgrad von fünf Prozent. Die neuen Sorten, die Sie auf Ihrer Fensterbank züchten können, erreichen teilweise Stärken von bis zu 25 Prozent. Das macht die Droge sehr stark. Umfragen zeigen, dass Marihuana die Einstiegsdroge für gefährlichere und schlimmere Drogen ist. Die wenigsten Heroinsüchtigen haben gleich damit begonnen, sich zu spritzen. Die meisten haben mit Marihuana angefangen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Cannabis, Juri Fedotow, UNODC, UNO

4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-10-28 18:41:07
Letzte nderung am 2014-10-29 19:00:36




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. In Putins Händen
  2. Mugabe tritt ab
  3. Flüchtlinge als Sklaven verkauft
  4. Katastrophenhilfe auf Augenhöhe
  5. Mugabes Nachfolger soll am Freitag vereidigt werden
  6. Putin drängt auf politische Lösung
  7. Pakt mit dem Teufel

Schlagwörter



Werbung


Werbung