• vom 26.01.2015, 18:49 Uhr

Weltpolitik


IS-Terror

Die letzten Christen des Irak




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Von Thomas Seifert aus Erbil

  • "Ohne militärische Gewalt wird sich der Islamische Staat nicht zurückziehen."

Abendmesse der im Garten der Mar Elias Kirche in Ankawa bei Erbil untergebrachten Flüchtlinge - die biblische Herbergssuche hat hier eine

Abendmesse der im Garten der Mar Elias Kirche in Ankawa bei Erbil untergebrachten Flüchtlinge - die biblische Herbergssuche hat hier eine

Bashar Warda, Erzbischof von Erbil.

Bashar Warda, Erzbischof von Erbil.© Thomas Seifert Bashar Warda, Erzbischof von Erbil.© Thomas Seifert

Erbil. Bashar Warda, der Erzbischof der chaldäischen chaldäisch-katholischen Erzeparchie Erbil entschuldigt sich, bevor er sagt, was er eigentlich sagen will. "Verzeihung, wenn ich das als Bischof sage, aber ohne militärische Gewalt sehe ich beim Islamischen Staat, den wir hier Daish nennen, keinen Willen, sich zurückzuziehen. Von denen wird niemand sagen, Entschuldigung, war ja nicht so gemeint, ihr Christen könnt ruhig zurückkommen."

Als Mann der Kirche sollte man ein Mann des Friedens sein und militärische Gewalt wohl nicht gutheißen. Aber im Irak ist Nächstenliebe rar geworden und die Zukunft der christlichen Gemeinde ist höchst ungewiss. Mehr als 120.000 Christen sind im Nordirak auf der Flucht. Die Kirche kümmere sich um Unterkünfte, um die Flüchtlinge aus Zelten und Lagern in feste Unterkünfte zu bringen, berichtet Erzbischof Warda, und wolle so dafür sorgen, dass die Menschen im Irak bleiben. Schulen seien in Bau, Wohnhäuser ebenso. Dennoch würden jeden Tag 60 Christen den Irak Richtung Libanon, Jordanien oder Europa verlassen. "Man darf nicht vergessen, das ist bereits die dritte Fluchtwelle der Christen", sagt Bischof Warda. Die erste war nach dem Irak-Krieg von 2003, dann am Höhepunkt des Bürgerkriegs zwischen Schiiten und Sunniten zwischen 2006-2007, in dem aber auch Christen und andere religiöse Minderheiten zur Zielscheibe geworden sind und schließlich 2014, bedingt durch den Vormarsch des Islamischen Staats (IS)/Daish. "Nun haben die Christen die Hoffnung verloren, dass der Irak eine Zukunft hat. Wir versuchen, die Menschen zum Bleiben zu überreden, aber es gibt keine Garantie, dass alles wieder gut wird", sagt er. Wenn alles vorbei ist und IS/Daish in die Flucht geschlagen ist, dann müssen die Dörfer wiederaufgebaut werden und Versöhnungsinitiativen zwischen den Sunniten und den religiösen Minderheiten gestartet werden, sagt Bischof Warda. Die Kirche stecke in einem Dilemma: Umsiedlungsprogramme nach Europa würden dazu führen, dass der Exodus der Christen aus dem Irak sich noch weiter beschleunige. "Gleichzeitig ist die Lage hier alles andere als einfach", sagt Warda.

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Archimandrit Emanuel Youkhana, Vorsitzender der Organisation Capni (Christian Aid Program Northern Iraq), der die christlichen Hilfswerke in der nordirakischen Stadt Dohuk koordiniert, stimmt dem zu, wiewohl er hinzufügt, dass man bei Härtefällen einzelnen Familien helfen müsse. Alle Christen aus dem Irak umsiedeln zu wollen sei naiv: "Ist Europa darauf vorbereitet, zehntausenden, hunderttausenden Christen eine neue Heimat zu bieten?" 350.000 Christen gebe es im Irak, vor zehn Jahren seien es noch mehr als eine Million gewesen. Am realistischsten sei es wohl, ein Gebiet im Nordirak, die Provinz Niniveh, zur international garantierten Schutzzone zu machen, in dem die Minderheiten in Sicherheit leben können.

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Dokument erstellt am 2015-01-26 18:53:06




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